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Flachgauer Frischluftverheißungen unter Salzburger Schirm-Herrschaft

(c) APA (FRANZ NEUMAYR)
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Nur wenige kennen die Vielfalt an Erlebnisalternativen abseits der Salzburger Festspiele. Ein Tauchgang in der Seenlandschaft und in den historischen Kleinstgewerbegebieten fördert manchen Schatz zutage.

Der Flachgau ist dort, wo die meisten bereits Bayern wähnen. Ein Grenzgebiet hinter Salzburg und vor Berchtesgaden, das man bestenfalls zügig durchfährt und schlimmstenfalls zur Gänze ignoriert. Was ein schwerer Fehler ist, denn der Flachgau bietet Berge an (ent-)spannenden Urlaubsaussichten. Besonders im nördlichen Teil, dem Salzburger Seenland, wird der Besucher von Freizeitvergnügungen aller Art nachgerade überschwemmt.

Gerade mal 18 Orte bergen Käsewelt und Vogelparadies, mehrere Moorlandschaften und vier glasklare Seen. Dazu gesellen sich endlose Hiking- und Bikingrouten, Kraftplätze und Pilgerwege sowie die angeblich längste Seilrutsche der Welt, damit einem seine Probleme mal so richtig den Buckel runterrutschen können. Die Europarutsche ist 600Meter lang; und wenn man 45Meter hoch über der Erde mit Tempo siebzig dahinfliegt, ist man dem Urlaubshimmel jedenfalls ein bedeutendes Stück näher.

 

Seenländische Sommer

Aber Seeham am Obertrumer See lockt nicht nur mit dem größten Hochseilpark Österreichs, sondern auch mit einer idyllischen Seebühne, auf der es zur Sommerszeit hoch theatralisch zugeht. Ein Schauspiel gänzlich anderer Art bietet Mattsee, das als „Venedig“ von Salzburg gilt. Ganz so viel Brücken gibt es hier zwar nicht, aber dafür fehlen auch die Touristenschwärme. Dieser stilvolle Ort – am gleichnamigen See gelegen – erinnert eher an die gute alte Zeit der Sommerfrischetradition.

Genussflaneure und Landschaftsvoyeure besiedeln die beschaulichen Strandpromenaden; wer nach Kultur und Kulinarik hungert, wird hier bestens bedient. Etwa vom musikalisch wohltemperierten „Diabelli-Sommer“ oder den knusprig gebratenen Reinanken vom Seewirt, dessen Panoramapool die wohl beste Alternative für Seensüchtige an Regentagen bietet. Doch wenn die Sonne scheint, muss man sich einfach auf ihre Seite schlagen und einen Platz im Schlosscafé einnehmen – zu dem natürlich ein echtes Schloss gehört. Dieser sensibel renovierte Bau auf dem bereits seit der Jungsteinzeit besiedelten Schlossberg verfügt über eine einzigartige Aussicht und Atmosphäre. Gäbe es nicht die Hänge und Hügel im Hintergrund, auf denen Bauern ihr Heu einfahren oder Rehe am Waldesrand äsen, man würde sich in Antibes oder Capri wähnen. Mediterranes Flair, smaragdgrün schimmerndes Wasser, Boote, die schaukelnd vor Anker liegen, und Seelen, die baumelnd an der Brüstung hängen.

 

Paradiesische Zustände

Anders als etwa im Salzkammergut scheint die Welt im Seenland mit Weichzeichner konturiert. Die Berge sind weniger schroff, die Gewässer weniger imposant, der Fremdenverkehr ist weniger ausgeprägt und die Schönheit weniger augenfällig. Zumindest auf den ersten Blick. Wer jedoch näher hinschaut, stößt an jeder Ecke auf paradiesische Zustände.

Auf dem Weg zur Dichtlalm bei Henndorf etwa, wo die „Wunderfichte“ steht, verliert sich nicht nur jeder Stress, sondern auch jede Spur von Zeitgeist und Zivilisation. Kein Mensch ist zu sehen, nur Wiesen, Wälder und Wanderlust machen sich breit. Und ganz droben vor dem Himmelstor lugt eine Wiegeliege hervor.

Insgesamt 26 dieser Relaxmöbel aus reinem Holz wurden an den schönsten Stellen des Salzburger Seenlands aufgestellt, um Wasserratten und Wandervögel aufs Angenehmste zu verschaukeln. Als möglicherweise schwindelerregend erweisen sich aber nicht nur Ausflüge zu besagten Wohlfühlliegen, sondern auch eine Einkehr beim Gasthof Kienberg, sprich „Keaberg“. Hier serviert die lustige Wirtin ein Rehbeuschel mit Waldstrandpanorama, während das ausufernde Weinangebot für eine ganzjährige Almrauschblüte sorgt.

Trunken vor Freude und gutem Geschmack fällt der Abstieg dann gleich um vieles leichter. Und wer sich vor lauter berauschender Gefühle noch nicht auf den Heimweg machen will, der kann noch eine Runde um den nahen Wallersee drehen, in Schleedorf den Gipfel der Käsegenüsse besteigen oder auf Gut Aiderbichl im Himmelreich für Tiere wandeln.

 

Mit Schirm, Charme, Branntwein

Es sind nicht immer die Festspiele, die die Urlauber nach Salzburg zieht. Die österreichische Hauptstadt des Barock verfügt nicht nur über beeindruckend große Bühnen, sondern über ebenso beeindruckend kleine Gewerbebetriebe. Was an der Salzach alles an kunstvollen Manufakten produziert wird, geht da und dort auf keine Kuhhaut mehr. So etwa bei Wolfgang Schliesselberger, der sich mit mehr als 400 unterschiedlichen Häuten und Fellen der Gürtelmacherei verschrieben hat. Ein Gewerbe, das im Viertel zwischen Dreifaltigkeitsgasse und Lederergasse bereits seit 1422 Tradition hat. Ab 1820 eröffnete auch seine Familie eine der damals noch fünf ansässigen Gerbereien.

Überlebt hat nur er, zur großen Freude aller, denen keine Massenware an ihren Bauch kommt. Von klassischen Modellen über Rundschnitte bis zu zu Kettengürtel, Kroko-Optik oder handschuhweiches Kalb in allen nur denkbaren Farben und Formen reicht das Angebot. Persönliche Stilberatung, Maßanfertigung und die Wahl der passenden Schnalle gehören hier selbstverständlich dazu.

 

Dachln gegen Tiefs

Ähnlich exquisit geht es in der Getreidegasse 22 zu, wo die Gebrüder Kirchtag jeden noch so ausgefallenen Wunsch unter einen Schirm bringen. Bereits seit 1903 perfektioniert diese Familie die Herstellung von Regen- und Sonnenschirmen. In ausnahmslos manueller Fertigung. „Was die Leute oft für ein Dachl herumtragen,“ wundert sich Kirchtag senior über die heutigen Vielfalt an witterungsunbeständigen und unpraktikablen Regenschirmen.

Ein echter Kirchtag-Schirm widersteht über Generationen jedem atmosphärischen Tief und liegt mit seinem sechsfach geschliffenen Stock aus Palisander-, Eben- oder Rosenholz super in der Hand. Mit händisch geformten Federn aus Klaviersaiten und einer Haut aus echter Seide wird damit Regen rasch zum Segen. Selbst Porsche und Red Bull lassen ihre „Dachln“ bereits hier fertigen.

Welchen Ruf das Salzburger Kleingewerbe genießt, zeigt sich auch bei Jahn-Markl, einer vor rund 600Jahren gegründeten und heute ältesten Ledergerberei der Stadt. Die Qualität der mit Fischtran gegerbten Lederwaren in „Altschwarz“, einer vom Vater der Inhaberin Gabriele Jenner entwickelten Farbe, um dem Originalton der Ausseer Lederhosn zu entsprechen, ist weit über Österreichs Grenzen bekannt. Luis Vuitton, Gloria von Thurn und Taxis oder die Fürstenfamilie zu Monaco zählen zur Stammkundschaft.

Und weil zur Hose meist auch ein Hemd gehört, empfiehlt sich ein Abstecher zu „Hemden Babitsch.“ Hier näht Hellmut Hözl seit beinahe einem halben Jahrhundert formvollendete Oberbekleidung. Bereits mit sechs Jahren nahm er Nadel und Faden zur Hand; und er ist immer noch nicht müde, weder an den Händen noch bei den Augen. „Probleme hat man nur, wenn es einen nicht freut,“ sagt er, um sich hingebungsvoll einer Knopfleiste zu widmen. Tina Hinteregger, die Inhaberin des Laden, steht dem Besucher zudem mit einer Auswahl an feinsten Stoffen, Deko-Objekten und jeder Menge guter Ratschläge zur Seite.

 

Essig für den schönen Teint

Doch so kunstvoll diese Betriebe auch werken, wirken sie dennoch nie abgehoben. Selbst Rupert Weiß, ein Handweber in vierter Generation, ist auf dem Teppich geblieben. Seine „Werke“ präsentieren sich als perfekte Mischung aus moderner Kunst und alter Tradition. Gleiches gilt auch für den „Knopferlmayer“, eine Salzburger Legende auf dem Rathausplatz. Seit 250 Jahren verwaltet die Familie Mayer diese Wunderwelt an Knöpfen, Spitzenbordüren und Nähzubehör. Allein an die 3000 unterschiedliche Knopfmodelle zieren die Wände, darunter auch viele manuelle Maßanfertigungen. Der ganze Laden wirkt irgendwie wie ein Dorfplatz. Man kennt sich, tratscht ein wenig und staunt über die neuesten Errungenschaften.

Die Uhr dreht sich zwar weiter, doch die Zeit ist eindeutig stehen geblieben. Das ist auch beim Sporer der Fall, auch wenn es dort nicht dem Hemd an den Kragen, sondern dem Fass an den Boden geht. Denn das Spirituosenfachgeschäft neben der „Blauen Gans“ geht einem mit seiner Eigenproduktion an Likören, Kräuterbitter mit und ohne Barrique, Ansetzschnäpsen und Punschvariationen ziemlich an die Leber.

Stilgerecht aus den alten 28,4-Liter-Eichenfässchen, die niemals leer werden dürfen, abgefüllt oder durch den Hintereingang im Hinterstübchen in trauter Abgeschiedenheit vom Getreidegassen-Rummel genossen, taucht man ein in eine andere, alte und sehr geschmackvolle Welt. Selbst würzigen Essig gibt es hier. „Und der muss ausgetrunken werden,“ ermahnt einen Josef, der hinter der Theke schaltet und waltet, „denn Essig macht einen schönen Teint.“ Worauf man schon wieder sein Glas erheben muss.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2011)