Wenn der Kabelmann einmal klingelt

(c) BilderBox.com (Erwin Wodicka - BilderBox.com)
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Vom Alltag mit mehr als hundert TV-Kanälen.

Er kam, als ich unter der Dusche stand. Freund C. ließ ihn gutgläubig herein, ihn, der im Auftrag eines Telekabelanbieters durch die Häuser zieht, um den Bewohnern noch mehr Fernsehprogramme inklusive kinofrischer On-Demand-Filme einzureden. Und darin war der „sympathische Kerl“ (© Freund C.), nennen wir ihn einfach Fernsehmann, Profi. Ich war noch nicht abgetrocknet, schon stand Freund C. mit einem Vertrag wachelnd im Badezimmer. „Du musst hier unterschreiben, es kostet nur fünf Euro mehr, und wir sind – C. legte eine dramatische Pause ein – einer der letzten Haushalte in Wien, die noch nicht umgestellt sind.“ Sie sehen: Wir hatten keine Wahl.

Kurz darauf wurde die neue TV-Box, leider nur mit niederländischer Installationsanleitung, geliefert und war nach einigen Telefonaten mit den Kollegen des Fernsehmannes („Wenn wir noch länger telefonieren, muss ich Ihnen etwas verrechnen.“) auch angeschlossen. Dem Fernseherlebnis der neuen Dimension stand nichts mehr im Weg. Also fast nichts. Denn die On-Demand-Filme gehen leider doch nicht, weil, so die Erklärung des Anbieters, unser Telekabel für das Herunterladen von Filmen zu lang ist. Der Teletext funktioniert seither viel langsamer, das Aufnehmen von Sendungen leider gar nicht mehr („Das wird ein bisschen komplizierter“, hatte der Fernsehmann gewarnt). Was aber nichts macht. Denn bei mehr als hundert Sendern ist man vorrangig mit dem Sichten des Programms beschäftigt. Bis man sich geeinigt hat, ist der halbe Hauptabend gelaufen. Und auch das Erlebnis Eurosport auf Spanisch und Nachrichten auf Russisch zu schauen, hat sich mangels Sprachkenntnissen ziemlich schnell abgenützt. Wir sind überfordert und gelangweilt zugleich. Und lesen jetzt wieder öfter. Für nur fünf Euro mehr im Monat.

E-Mails an: mirjam.marits@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2011)

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