Zu Tisch, Fledermäuse!

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Eine Pflanze lockt ihre Bestäuber mit „floraler Akustik“: Sie hat an den Blüten eigene Reflektoren für die „Echolokation“.

Wer zahlende Gäste locken will, muss sich mit der richtigen Botschaft an die richtige Kundschaft wenden, etwa mit einer gut sichtbaren Neonreklame über dem Eingang seines Wirtshauses. Oder mit einer gut hörbaren, das empfiehlt sich bei Kunden, die sich ihr Bild von der Welt vor allem mit den Ohren machen. Dass es das gibt, bemerkte Lazzaro Spallanzani, italienischer Naturforscher (und Priester), 1794 in Experimenten, bei denen ihm vor nichts graute: Er stach Fledermäusen die Augen aus, sie fanden doch ihren Weg, er verklebte ihnen Nase und Maul, sie ließen sich nicht beirren. Erst als er ihnen Hauben über die Ohren streifte, knallten sie an die Wand: „Fledermäuse sehen mit den Ohren“, folgerte Spallanzani. Wie das zugeht, klärte 1937 D. Griffin: Die Tiere stoßen mit dem Maul und/oder der Nase hochfrequente Töne aus – laute, aber für uns unhörbare –, deren Echos werden von den Ohren aufgefangen und vom Gehirn in räumliche Orientierung umgesetzt (Spallanzani hatte wohl die Mäuler/Nasen nicht gut verklebt).

Echolokation ist vertrackt

Griffin nannte das Phänomen „Echolokation“. Man fand es später bei anderen Tieren, Walen etwa, selbst manche blinde Menschen finden mit Klicklauten ihren Weg. Sie sind Ausnahmen, bei den Fledermäusen ist dieser Sinn hingegen der zentrale, aber er ist vertrackt: Viele Fledermäuse sind hinter Insekten her und um sie akustisch zu orten, muss der Schall zur Größe der Beute passen, die Wellen dürfen nicht länger sein als die Flügelspannweite, sonst wird das Echo zu schwach. Deshalb jagen die meisten Fledermäuse mit Frequenzen von 20 bis 60 Kilohertz, was in Wellenlängen – Beutegrößen – 1,7 Zentimeter bis 5,7 Millimeter ergibt.

Haben Fledermäuse Beute bemerkt, fahren sie zur besseren Ortung die Rate der Laute hoch (und zur besseren Tarnung die Lautstärke herab), aber manche Insekten haben auch Ohren. Sie stellen sich auf die Gefahr ein, flüchten oder antworten mit Gegenschall – es ist ein akustischer Krieg. Der findet oft mitten im Wald statt, zwischen Bäumen und Gebüsch, auch davon müssen sich die Fledermäuse akustisch ein Bild machen und bei Bedarf ausweichen. Für die dreifache Aufgabe – Fokussieren auf Beute, Abtasten des Hintergrunds, Unterscheiden von beidem – nutzen sie zwei Obertöne ihrer Rufe: Der höhere, kurzwelligere, kommt aus größerer Entfernung schwächer zurück, er informiert über die Umgebung. Das Fledermaushirn lässt sich bei seiner Verarbeitung etwas Zeit. Es konzentriert sich auf den anderen, der die Beute anzeigt, wie Mary Bates (Brown University) demonstrierte (Science, 333, S.627).

Aber im Hintergrundrauschen kann auch etwas locken, Süßes: Nicht alle Fledermäuse jagen, andere holen Nektar ein und bestäuben im Gegenzug ihre Wirte. Auch manche dieser Tiere arbeiten mit Sonar – und in den Regenwäldern Kubas hat sich ein wilder Wein darauf eingestellt: Über seinen Blüten sitzt ein Blatt, das wie eine TV-Satellitenschüssel geformt ist. Es ist die Neonreklame dieses Gasthauses, es wirft Schall konzentriert zurück. Ralph Simon (Ulm) hat die Wirksamkeit dieser „floralen Akustik“ getestet, mit Plastikreplikaten der Blätter: Die Suchzeit der Fledermäuse nach Blüten wird durch deren Schalltrick um 50 Prozent verringert (Science, 333, S.631).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2011)

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