Mahler-Szenen: Pierre Boulez und die Wiener Philharmoniker eröffneten den Mahler-Schwerpunkt der Salzburger Festspiele mit eitel Wohlklang in Dur, Moll und Alban Bergscher Zwölfton-Camouflage.
In ihrem Zyklus zum Gustav-Mahler-Jahr gedenken die Festspiele auch der Grundlagen von Mahlers symphonischer Revolution – und deren Auswirkungen. So stehen neben der Symphonie von Hans Rott, die dessen Studienkollegen Mahler als eine Art Ideen-Steinbruch diente (RSO unter Cornelius Meister am 14. August), auch Werke von Alban Berg auf dem Programm, die sich in ihrer Klanglichkeit direkt auf Mahler beziehen.
Im ersten philharmonischen Konzert des Sommers koppelte Pierre Boulez Mahlers selten gespielte Frühwerk „Das klagende Lied“ mit Bergs Konzertarie „Der Wein“ und symphonischen Fragmenten aus „Lulu“.
Für diese Art von Musik stellen die Wiener Philharmoniker ja tatsächlich so etwas wie ein Originalinstrumenten-Ensemble dar. Die fragile Schönheit des wienerischen Orchesterklangs hatte Berg ja wohl im Ohr, als er seine Musik schrieb. Das Orchester lässt keinen Zweifel daran, dass es um diese Bestimmung weiß. Mit Boulez hat man sich über die Jahre hin zusammengelebt. Die karge Zeichengebung dient als Orientierungshilfe: Die präzisen, scheinbar völlig emotionslosen Gesten sind wie Leuchttürme im frei bewegten Meer aus Klängen, die sich völlig frei entfalten können. Schon die behutsamen Streicherakkorde zu Beginn der „Lulu“-Suite sind von fast unwirklicher Schönheit. Die folgende Liebesszene kennt ekstatische Aufschwünge und geheimnisvoll flüsternde Momente, das Farbenspiel in Bergs reicher Orchestrierung ist flexibel und von schillernder Pracht. Wie souverän man sich das spezifische Melos dieser Musik zu eigen gemacht hat, verraten schlafwandlerisch sichere Parallelaktionen zwischen Streicher- und Bläsersolisten, innige Dialoge zwischen Konzertmeister und Solo-Cello, sanft fließende Übergänge der Register.
Sensationelle „Lulu“: Anna Prohaska
So, denkt man, muss Berg sich das erträumt haben, wenn er Dreiklänge in Anwendung und gleichzeitiger raffinierter Camouflage von Schönbergs Zwölfton-Methode zu kompliziert geschichteten Gebilden übereinandertürmte: Dur und Moll zur Potenz sollen da erklingen – und der Hörer kann das verstehen und genießen, wenn die Musiker so präzis und sauber in allen Lagen intonieren, um die sinnliche Schönheit der Klänge exakt auszubalancieren. Anna Prohaska dazu, die das Lied der Lulu mit einem auch in extremen Partien glockenhellen Sopran singt und jedes Wort so verständlich zu machen versteht wie den zynisch-kritischen Subtext. Meisterlich auch Dorothea Röschmanns Interpretation der morbiden, zuweilen auch lasziv grundierten „Wein“-Arie (nach Baudelaire/George) mit satt und weich timbriertem Sopran.
Im zweiten Teil gesellten sich Anna Larssons sonorer Alt und Johan Bothas strahlender Heldentenor zu ihr. Man gab Mahlers „Klagendes Lied“ in der kürzeren Letztversion, ein kraus-düsteres Märchenspiel, in dem sich der Komponist mutiger als später je vom erzählten Inhalt leiten und seine Musik quasi anarchisch formlos dem Text entspringen ließ. So könnte eine Mahler-Oper klingen, denken manche, nicht beachtend, dass hier alles andere als Musiktheater-Strukturen herrschen: Jäh wechseln die Sänger ihren Standpunkt, einmal schlicht erzählend, dann kräftig mitleidend.
Der Staatsopernchor tat dabei in kraftvollster Manier mit. Und das Festspielpublikum, mit Berg großteils noch hörbar überfordert, freute sich an der romantischen Direktheit – und jubelte.
TV-Übertragung: ARTE: 31.Juli (18.15h), Ö1-Sendung am 7.August (11.03h)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2011)