Christof Loy hat beschlossen, die gewichtigste Strauss-Oper im Großen Festspielhaus nicht zu inszenieren, sondern sie im Rahmen einer Aufnahmesitzung in den Sophiensälen singen zu lassen.
"Buh!“, rief der Mann. Und zwar präzis in die Generalpause zwischen dem vorletzten und dem letzten Akkord am Ende des ersten Akts. Wir wollen einmal davon ausgehen, dass er nicht vorhatte, den versammelten Musikfreunden den Hörgenuss zu verderben. Er dachte wohl, die Musik sei bereits zu Ende.
Die Sache mit dem Sich-nicht-Auskennen wirkt an diesem Abend insgesamt fatal. Es ermöglichte dem Pausentratsch, sich über die Unflätigkeit zu mokieren, mitten in die herrliche Musik zu randalieren. Darum ging es dem Störenfried wahrscheinlich gar nicht.
Die herrlichsten Klänge. Die Musik war ja wirklich herrlich. Strauss' „Frau ohne Schatten“ ist anerkanntermaßen die reichste und bunteste Partitur, die dieser Komponist geschrieben hat. Sie entspricht dem märchenhaft-abwechslungsreichen Sujet, das Hugo von Hofmannsthal sich ausgedacht hat und ist so vielgestaltig, dass man bis 1992 warten musste, ehe erstmals eine ungekürzte Aufführung gewagt wurde.
Damals stand Sir Georg Solti am Pult. 19Jahre später setzt Christian Thielemann alles aufs Spiel, präsentiert den ganzen Strauss mit allen mörderischen Ansprüchen, die der Komponist an seine Darsteller stellt. Da ist die Partie der Kaiserin, angesiedelt zwischen zart-poetischen morgendlichen Erweckungszeremonien, in denen sich ein lyrischer Sopran behutsam und mit luftigen Koloraturen bis zum hohen D die Augen ausreibt, und gewaltigen emotionalen Eruptionen angstverzerrt hochdramatischer Natur, in denen Sprünge über zwei Oktaven in äußerster Anspannung und Lautstärke zu überwinden sind.
Die Frau, die keinen Schatten wirft, keine Kinder bekommen kann, und deshalb damit bedroht wird, ihren Mann versteinern zu sehen, muss sich in eine Heroine verwandeln, um diesen seelischen Konflikt singend vermitteln zu können.
Anne Schwanewilms singt diese Frau ohne Schatten berückend schön, solange sie sich nicht gezwungen fühlt, zu forcieren. Dass sie am hohen Des zu scheitern droht, wiegt gering gegen die innig-bewegende Gestaltung der Auftritts- oder der Tempelszene, in der sie mit dem grausamen Geisterfürstenvater hadert, der ihr das unmenschliche Menschwerdungsschicksal auferlegt.
Stephen Gould ist der Kaiser an ihrer Seite, so recht naiv in seiner Freude über die schöne Gattin: Die weiße Gazelle, die er erlegte, verwandelte sich in die anmutigste Frauengestalt – und er „begehrt ihrer“ alle Tage, „zwölf Monde“ lang, ohne zu bemerken, dass ein Makel an seiner Liebe ist. Auch der Kaiser braucht Kraft, um seine Partie durchzustehen, mag sie auch bedeutend kürzer und weniger reich sein als jene der unglücklichen Kaiserin.
Thielemanns Zauberkunst. Dankenswerterweise findet Gould im großen Monolog im Mittelakt aber auch verhaltenere, leise Tenortöne und wird dem philharmonischen Spiel mit seinen hinreißenden Cello-Soli gerecht.
Christian Thielemann zaubert ja das ganze Märchen vor unsere Ohren. Die Musiker spinnen Phrasen, die jeweils bereits mit großer Intensität beginnen, um in unglaubliche Ausdrucksdimensionen zu wachsen. Sie kosten auch die prachtvollen Farbspiele der Partitur bis zur Neige aus, es flirrt und flackert, glänzt und glitzert, wie nur Feenzauber und Elfenspuk flirren, flackern, glänzen und glitzern können. Sie beschwören geheimnisvoll-magische Momente des Innehaltens, stellen den Hörern Klangrätsel angesichts von Hofmannsthals hieroglyphisch-symbolbefrachteter Dichtung.
Hören kann man dank der orchestralen Glanzleistung wirklich die ganze „Frau ohne Schatten“ an diesem Abend, denn Thielemann besteht darauf, das Werk ohne Kürzungen vorzustellen, und hat mit Michaela Schuster auch eine Amme, die all die Bosheiten, Doppelbödigkeiten und finsteren Drohungen, die Beschwörungsrituale und Hexereien ohne Substanzverlust ihrem dramatischen Sopran abtrotzt.
Auch eine Färbersfrau steht zur Verfügung, Evelyn Herlitzius, die mit manchem Sforzato jede instrumentale Klangmauer durchdringen kann, und die auch dort nicht müde wird, wo Kolleginnen angesichts der kräfteraubenden, nicht enden wollenden Monologe längst aufgeben müssten. Sie und ihr wohltönender, mit prächtigem Bassbariton begabte Färbersgatte Barak, Wolfgang Koch, sind im Übrigen auch die Einzigen, die an diesem Abend auch szenisch Ahnungen von jener Handlung vermitteln dürfen, die Hofmannsthal da poetisch verdichtet hat.
Keine Lust aufs Regieführen. Regisseur Christof Loy hat nämlich gar nicht daran gedacht, die „Frau ohne Schatten“ zu inszenieren, sondern ließ sich von Johannes Leiacker die Wiener Sophiensäle auf die Festspielbühne bauen. Diese haben mit der Strauss-Oper insofern zu tun, als sie einst als Tonstudio für die erste Gesamtaufnahme gedient haben. Eine Studiosituationder Fünfzigerjahre (Kostüme: Ursula Renzenbrink) stellt die Salzburger Produktion nun nach – Mikrofone, Aufnahmeteam, Rotlicht, Staatsopern- und Kinderchor. Und wir erleben die Eitelkeiten und Hinterfotzigkeiten, die sich während einer solchen Produktion ereignen können, was vermutlich nur für jenen kleinen Teil des Auditoriums amüsant ist, der schon bei einer solchen Aufnahmesitzung zugegen war.
Die wirkliche Beziehungskiste. Alle andern wundern sich, dass inmitten des völlig undramatischen Herumstehens und Singens zwischen Färber und Färbersfrau eine kleine Beziehungstragödie anhebt, weil die beiden offenbar auch im wirklichen Leben ein Paar sind. Nun haben wir die Situation erlebt, dass just die Darsteller von Barak und Gemahlin auch jenseits der Opernbühne einander zugetan waren. Allein, das war nicht damals, als man in den Sophiensälen daranging, die „Frau ohne Schatten“ aufzunehmen.
Übrigens saß Christa Ludwig, die Salzburger Färbersfrau von anno 1974, diesmal in der fußfreien Reihe. Dass mir das jetzt gerade einfällt, signalisiert vielleicht auch, dass es genug der Deutungsversuche von Regieplattitüden ist (Menschen mit Koffern kamen ja auch einmal auf die Bühne, und eine Doppelgängerin der Kaiserin...)
Schon Hofmannsthal hat übrigens versucht, während der Arbeit die Aufmerksamkeit seines Komponisten von der blutvollen Färbersfrau auf die Kaiserin zu lenken, die doch eigentlich die Hauptfigur des Stücks sein sollte. Aber, wenn man sich entschließt, die „Frau ohne Schatten“ nicht zu inszenieren, spielen solch grundsätzliche Überlegungen ja keine Rolle. Ein wenig säuerlich, um zum Anfang unserer Betrachtungen zurückzukehren, könnte einer schon werden.
Wo, wenn nicht in Salzburg hätte man das Potenzial, eine solche Oper auch zu zeigen, wenn man sie schon, wie diesmal, musikalisch so hinreißend gestaltet und insgesamt bis in die kleinsten Rollen gut bis außerordentlich besetzen kann?
Die Premiere war also jedenfalls das, was man eine seltene Gelegenheit nennt. Ich vermute, von den Premierengästen wussten an die 80 Prozent nicht, worum es in dieser Oper geht, als sie ins Festspielhaus kamen. Nach der Vorstellung dürften es 100 Prozent gewesen sein. Eine reife Leistung.
Aufführungen: 1., 4., 11., 14., 17., 21.August.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.07.2011)