Orange-Chef: "20 Euro mehr spielen keine Rolle"

(c) Daniel Breuss
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Michael Krammer, Chef des Mobilfunkers Orange, fühlt sich vom Regulierungseifer der EU und des Infrastrukturministeriums geschröpft. Er verteidigt die eingeführte Servicepauschale als kleinen Ersatz für die Grundgebühr.

Als Mobilfunknutzer hat man den Eindruck, dass sich Netzausfälle wieder häufen. Ist das Netz schlechter geworden?

Michael Krammer: Mit Smartphones ist die Komplexität wieder extrem gestiegen. Ein Beispiel: Nach einem Flug schalten zwei Passagiere ihr Handy ein: Der mit dem alten Nokia hat sofort ein Netz, der mit dem iPhone erst nach Minuten. Das liegt nicht am Netz, das Nokia verwendet ja dasselbe Netz. Es liegt am Gerät. Da sind viel mehr Funktionen drin – WLAN, Bluetooth usw., Wenn man telefoniert, fällt dem Handy ein, es muss jetzt Daten synchronisieren oder Updates machen. Das bedeutet, dass auch das Netz auf verschiedenen Ebenen arbeiten muss. Da kann es zu kurzen Ausfällen kommen.

Was macht Orange dagegen?

Wir testen wie die Wahnsinnigen. Es müssen natürlich auch die Endgerätehersteller mitspielen und die App-Lieferanten. Oft werden Datensessions aufgebaut, ohne dass der Kunde etwas merkt. Dieses komplizierte Zusammenspiel von Gerät, Netz und Applikationen erfordert neue Abstimmungen. GSM ist über Jahre standardisiert, da ist alles festgelegt. Jetzt programmieren die App-Anbieter wild drauflos, die kümmern sich nicht um eine Standardisierung. Jetzt müssen wir mehr zusammenarbeiten, um die Dinge wieder einzufangen.

Es gibt aber auch Ecken, etwa in der Wiener U-Bahn, wo Orange-Kunden auch mit älteren Modellen kaum Empfang haben.

Die Wiener U-Bahn ist mit 2G voll versorgt. Es gibt eine Diskussion mit den Wiener Stadtwerken über die Aufrüstung auf 3G (dritte Technologiegeneration, mit der man schneller ins Internet kommt, Anm.), aber die Preisvorstellungen der Stadtwerke rechtfertigen den Ausbau nicht, die liegen in sechsstelliger Höhe, das rechnet sich nicht.

Es gibt in Österreich seit Kurzem eine Netzkooperation zwischen Orange und T-Mobile. Was können die Kunden da erwarten?

Der erste Schritt sieht vor, Antennen zu teilen. Das heißt, eine Antenne sendet zwei Signale aus. Wir nutzen jene Stationen der T-Mobile, wo wir keine 3G-Versorgung haben und umgekehrt. Das Potenzial umfasst mehrere 100 Stationen und bringt eine zusätzliche Versorgung von zehn Prozent, vor allem in ländlichen Regionen.

In der U-Bahn funktioniert das nicht?

Die U-Bahn ist ein besonders Sache. Die Infrastruktur gehört den Wiener Linien, ein Sharing ist da nicht möglich. Wer hineinwill, muss zahlen.

Wie sieht dann der zweite Schritt der Kooperation mit T-Mobile aus?

Wir überlegen, was wir weitermachen. Jetzt gilt es, die ersten Tests für die Antennen zu machen. Wir rechnen damit, dass wir Ende des Jahres starten. Demnächst schicken wir die Verträge an die Bundeswettbewerbsbehörde.

Denken Sie daran, LTE (die vierte Technologiegeneration) gemeinsam mit T-Mobile auszubauen?

Denken kann man viel, aber das ist nicht Bestandteil dieser Kooperation. Man muss überlegen, wie man Netze ausbaut, aber vor allem gilt es, bestehende Netze effizienter zu betreiben.

Da bietet sich ein anderes Thema an: Ist es denkbar, dass Sie bei der Auktion der freien ORF-Frequenzen (digitale Dividende) gemeinsam mit T-Mobile antreten?

(denkt sehr lange nach...) Dazu kann ich keinen Kommentar abgeben, weil jede Ankündigung das Verfahren beeinflussen würde.

Aber bewerben wird sich Orange schon?

Das hängt von den Ausschreibungsbedingungen ab. Es ist ja beabsichtigt, auch andere Frequenzen zu versteigern, obwohl die Lizenzen erst 2015 bzw. 2017 auslaufen. Deshalb ist es absurd, jetzt schon Frequenzen zu vergeben, weil niemand solange vorausplanen und die Marktentwicklung abschätzen kann.

Infrastrukturministerin Doris Bures erwartet einen sehr hohen Erlös. Was glauben Sie?

Wenn ich mir die Vorgehensweise der Frau Minister beim neuen Telekommunikationsgesetz ansehe, mit seinem Schwerpunkt auf Konsumentenschutz, wie etwa der verpflichtenden Papierrechnung, die die Kosten für die Mobilfunkbetreiber nur erhöht, würde ich mir nicht viel erwarten. Man kann die Branche nicht ständig schröpfen und sich für die Frequenzen viel erwarten. Da ist keine Strategie dahinter.

Wo fühlen Sie sich denn geschröpft?

Was mich besonders aufregt, ist das Roaming. Man hat den Eindruck, dass die Hälfte der EU-Ressourcen für die Regulierung von Roaming draufgeht. Nur ein Beispiel: Alle Orange-Vertragskunden inklusive Businesskunden gaben 2010 im Schnitt für Roaming – Daten, SMS und Sprache – 40 Euro aus. Davon entfallen 30Euro auf Sprache, vier Euro auf SMS und sechs Euro auf Daten. Alle Anstrengungen zielen also auf eine Einsparung von 20 Euro ab. Das ist doch einmalig.

Das Datenvolumen steigt stark. Da ist klar, dass es bei sechs Euro nicht bleiben wird.

Dafür gibt es aber auch schon Angeboten um 50Euro für ein Gigabyte Datenroaming.

Jedes Megabyte mehr ist dafür umso teurer.

Aber es gibt ja die Warngrenze bei 60 Euro. Danach ist automatisch Schluss. Da führt die EU ein Scheingefecht.

Auch als die EU das Sprachroaming regulierte, gab es einen Aufschrei. Dennoch verdienen fast alle Anbieter in Österreich.

Es ist ein Unterschied, ob ich Politik mache, um ein Unternehmen gerade nicht in den Bankrott zu treiben, oder, um Infrastrukturinvestitionen zu fördern. Wenn man die Investitionen mitrechnet, haben drei von vier Mobilfunkanbietern noch nichts verdient. Infrastrukturpolitik ist das nicht.

Sie poltern ja seit Langem gegen den hohen Preisdruck in der Branche. Nun werden zusätzliche Servicepauschalen eingeführt. Vor einigen Wochen haben Sie das noch als „falschen Schritt“ kritisiert. Wenig später hat auch Orange eine Servicepauschale eingeführt, so wie alle anderen Anbieter.

Was ich für falsch halte, sind undurchschaubare Einmalgebühren. Jetzt gibt es eben Servicepauschalen, die im Jahr 20 Euro kosten. Vor fünf bis zehn Jahren hatte jeder eine Grundgebühr und musste für SMS und Gesprächsminuten bezahlen. Das gibt es de facto nicht mehr. Die Servicepauschalen sind ein kleiner Ersatz für das, was früher die Grundgebühr abgedeckt hat.

Warum heißt es dann nicht Grundgebühr?

Servicepauschale klingt doch viel besser, oder?

Bleibt die schiefe Optik, dass fast zeitgleich alle eine ähnliche Pauschale einführen.

Das ist Wettbewerb. Wettbewerb heißt, dass ich Tarife senken muss, wenn es die anderen tun, aber auch, dass ich neue Einnahmequellen ebenfalls nutze. Zwanzig Euro mehr oder weniger im Jahr spielen für den Kunden keine Rolle.

Das erinnert alles an die Flugindustrie: Erst werden Tickets immer billiger, dann lassen sich die Fluglinien jeden Koffer extra zahlen. Ist das auch der Trend im Mobilfunk?

Die Preisentwicklung im Mobilfunk liegt bei minus neun Prozent im Jahr, alles andere wird aber teurer. Die Gesamtkosten für Handynutzer werden sicher weiter nach unten gehen. Wir müssen als Branche manche Preisreduktionen oder Regulierungsmaßnahmen kompensieren, um weiter investieren zu können. Von 2007 bis 2010 haben sich die Roamingumsätze, die Orange mit Urlaubern in Österreich gemacht hat, halbiert, obwohl der Verkehr gestiegen ist.

In den letzten 15 Jahren haben vier Netzbetreiber jeweils viele Milliarden in ein eigenes Netz gesteckt. Können Sie sich vorstellen, dass in LTE gemeinsam investiert wird?

Wir erneuern unsere Technologie alle zehn Jahre. Dieser Wettbewerb ist auch nötig, um eine möglichst gute Infrastruktur zu haben. Die Frage ist nur: Kann ich das, wenn ich vier Netze nebeneinander habe, oder geht es nicht besser, wenn ich zulasse, dass es nur zwei oder drei gibt? Aus meiner Sicht sollte der Regulator Netzzusammenschlüsse fördern und nicht Auflagen erfinden. Wenn man Infrastrukturausbau fördern will, muss man daran denken, neue Netze gemeinsam ausbauen und bestehende zusammenlegen zu lassen.

Wollen Sie das etwa mit T-Mobile machen? Denn in einigen Ländern wurde Orange an T-Mobile verkauft. Hierzulande steht auch ein Eigentümerwechsel im Raum, weil Ihr Miteigentümer, France Telecom, an einen Ausstieg denkt. Steht ein Verkauf von Orange an T-Mobile auch hierzulande an, und wäre das kartellrechtlich möglich?

France Telecom hat nur gesagt, dass sie ihre Position prüft. Dasselbe tun unsere anderen Eigentümer (Mid Europe, Anm.) auch. Das ist alles. Zu einer Fusion mit T-Mobile kann ich daher jetzt nichts sagen. Eine Entscheidung über einen neuen Eigentümer kann frühestens 2012 fallen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.07.2011)

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