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Hochschule: "In China gibt es großen Raum ohne Tabus"

Hochschule China gibt grossen
(c) REUTERS (CARLOS BARRIA)
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Der chinesische Hochschulforscher Hongjie Chen spricht über die ideologischen Einschränkungen im chinesischen Uni-System, über die Selektion von Studienanfängern und die geforderte Disziplin.

Die Presse: Europa fürchtet sich nahezu vor China als aufstrebende Macht im wirtschaftlichen und universitären Bereich. Wie sieht man das in China?

Hongjie Chen: China hat sich in den letzten 30 Jahren sehr rasant entwickelt. Diese Aufbruchsstimmung herrscht also schon lange. Europa hat das erst spät zur Kenntnis genommen. Das bedeutet aber keineswegs eine Bedrohung.

Das chinesische Hochschulwesen hat sich lange an Best-Practice-Beispielen orientiert. Sind sie nun bereits aus der Nachahmerrolle herausgewachsen?

Ich glaube, wir haben noch einen langen Weg zu gehen. China ist sehr groß. Es geht ja nicht nur um Unis in Peking und Shanghai. Wir haben ein riesiges Gebiet, das noch weit hinterherhinkt.

 

Chinas Elite-Unis zählen aber bereits zur Weltspitze.

Mit über 2000 staatlichen Universitäten haben wir das größte Hochschulsystem der Welt. Es gibt einige Spitzenuniversitäten, aber die meisten Unis sind nicht bekannt. Auch in Qualität und Niveau sind sie sehr unterschiedlich.

 

Ist es das erklärte Ziel, die Elite-Unis zu stärken, oder soll die Masse der Unis qualitativ aufgewertet werden?

Zwischen diesen beiden Aufgaben gibt es natürlich Spannungen. Spitzen- und Exzellenzförderung ist ein Kernpunkt der chinesischen Regierung. Andererseits müssen wir vieles nachholen. Vor allem in der Breite und bei der Qualitätssicherung von Forschung und Lehre an „normalen“ Unis.

 

Die Zahl der chinesischen Studenten ist zwischen den Jahren 2000 und 2008 von 7,4 auf 26,7 Millionen gestiegen. Wie kann da die Qualität gesichert werden?

Die rasante Entwicklung bringt Personalprobleme mit sich – es braucht nicht nur mehr, sondern auch qualifiziertes Personal. Dazu kommen finanzielle Herausforderungen. Viele Unis sind aufgrund der steigenden Studierendenzahlen verschuldet, sie mussten Darlehen aufnehmen. Diese Probleme wird es noch längere Zeit geben.

Wie finanzieren sich die Unis?

Sie werden zu einem großen Teil vom Staat finanziert, für den Rest müssen sie selbst aufkommen. Sie müssen mit der Wirtschaft zusammenarbeiten, angewandte Wissenschaft betreiben, mit Patenten Geld verdienen oder eigene Unternehmen betreiben.

 

Der große Andrang kann dennoch nicht abgefedert werden. Viele Bewerber werden abgewiesen.

Es gibt große Konkurrenz bei der Studienzulassung. Jeder Bewerber muss eine Aufnahmeprüfung bestehen. Mit einer schlechten Leistung hat man keine Chance.

 

Rechnen Sie mit einem weiteren Anstieg der Studierendenzahlen?

In den nächsten fünf bis zehn Jahren wird das Hochschulsystem so weit ausgebaut sein, dass es genügend Studienplätze für alle Studierwilligen gibt. Die Konkurrenz wird sich auf ein anderes Level verschieben. Dann wird um Plätze an den besten Unis gekämpft werden.

Im chinesischen Hochschulsystem scheinen vor allem Reiche privilegiert.

In der Tat besuchen Arme weniger oft eine Spitzen-Uni. Das Schulangebot ist in den Städten besser als am Land. Das führt dazu, dass Kinder aus diesen armen Gebieten geringere Chancen haben.

 

Disziplin ist in China wichtig. Ist der diesbezügliche Unterschied zum deutschsprachigen Raum groß?

Das Motto in chinesischen Schulen lautet nicht Lernen mit Spaß, sondern mit Disziplin. Das ist ein Problem, das wir kennen und beheben wollen. Aber diese Lernkultur sitzt sehr tief, die starke Konkurrenz und Selektion machen es notwendig, strebsam zu sein. Andererseits hat das auch Vorteile, wie das gute Abschneiden Shanghais beim PISA-Test zeigt.

 

Kann China dennoch von Europa lernen?

Wir können uns ein Beispiel an der Selbstständigkeit der europäischen Schüler und Studenten nehmen. Denn die reine Aneignung von Wissen reicht nicht.

 

Ist Europa offen, von China zu lernen?

Offenheit ist da. Aber: Das reicht nicht. In Europa hat Internationalisierung zwar Tradition, ist aber immer auf den europäischen Raum beschränkt. Europäisierung heißt nicht Internationalisierung.

 

Wie kann ein Uni-System in einem Land funktionieren, wo es so schlecht um die Meinungsfreiheit bestellt ist?

Es ist ein Problem. Viele denken im Zusammenhang mit China an eine Diktatur oder ein totalitäres System. Wenn man China besser kennt, dann kann man das differenzieren. In China gibt es sehr sensible Dinge: politische Ideologien etwa. Da gibt es Grenzen, die man nicht beliebig überschreiten kann. Andererseits gibt es in der Wissenschaft einen großen Raum, wo es keine Tabus gibt. Da kann man frei denken, frei forschen, frei studieren und frei diskutieren.

Zur Person

Hongjie Chen (51) ist Vize-Dekan der Graduate School of Education an der Peking University. Er war der Leiter der chinesischen Delegation, die am österreichisch-chinesischen Hochschulforschertreffen in Wien teilnahm. Bei dem von der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (iff) der Uni Klagenfurt initiierten Erfahrungsaustausch berichteten die chinesischen Experten über die dynamische Expansion ihres Hochschulsystems und die dadurch entstehenden Herausforderungen für Uni-Strukturen und Governance. Eine Fortsetzung dieser Kooperation ist bereits angedacht. [Mirjam Reither]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.08.2011)