Er war ein Philharmoniker mit Leib und Seele – und starb am Abend der Premiere einer Oper, die er selbst oft legendär mitgestaltet hat.
Es gab Musikfreunde, die an ihm die Wiener Philharmoniker identifizierten. Optische Typen an seinem legendären rot-leuchtenden Violoncello, akustische an seinem ebenso legendären Ton: Robert Scheiwein, über lange Jahre Solocellist des Meisterorchesters, ist am 29.Juli 76-jährig nach langer Krankheit in Wien gestorben. Man mag nicht an Zufälle glauben: Eine knappe Stunde, nachdem er im Wiener AKH friedlich entschlafen durfte, erklang im Salzburger Festspielhaus das große Cellosolo in Strauss' „Frau ohne Schatten“. Scheiwein hatte sich tags zuvor noch auf die Übertragung gefreut.
Wie oft hatte er selbst diese Musik veredelt? Unter Karl Böhm und Sir Georg Solti auch im Salzburger Festspielhaus. Es war eine seiner favorisierten Passagen, in der er den Klang seines Instruments auskostete, sodass alle Hörer im Auditorium fühlten, wie sehr er selbst es genießen konnte.
Ein Dirigent wie Karl Böhm war denn über die Jahrzehnte seiner Tätigkeit hin auch wirklich nach dem Geschmack Scheiweins, dessen Kritik gefürchtet war. Denn so sehr er es genießen konnte, wenn ein Maestro, der wusste, was er will, ihm im entscheidenden Moment die Freiheit gab, sich ganz und gar selbst einzubringen, so sehr war Scheiwein wütend, wenn er Verkrampfung oder gar mangelndes Können bei dem Mann am Dirigentenpult konstatieren musste.
Als begnadeter Musiker kannte er seine Position innerhalb eines Meisterorchesters – und vor allem die Bedeutung und den Stellenwert der Wiener Philharmoniker im internationalen Konzert der Spitzenorchester – sehr genau. Und er ertrug Halb- und Dreiviertelheiten nicht.
Deshalb liebte er es, unter Herbert von Karajan zu musizieren, jenem Dirigenten, der ihn in seiner Zeit als Staatsoperndirektor ans Haus holte, gleich ans erste Pult der Celli, eine Position, die Scheiwein zuvor für kurze Zeit bereits an der Volksoper ausgeübt hatte.
An seinem fulminanten Können bestand von Anbeginn kein Zweifel. Schon als Student von Frieda Litschauer galt er als Geheimtipp, beim Symphoniker-Solocellisten Nikolaus Hübner hatte er sich den letzten Schliff – und jede Menge Erfahrungswerte des praktizierenden Orchestermusikers – geholt.
Bis 1997 war Robert Scheiwein dann philharmonisches Aushängeschild – leidenschaftlicher Kammermusiker – und im entscheidenden Moment, etwa auch beim Neujahrskonzert Herbert von Karajans, zur Stelle, um Maßstäbe zu setzen.
Mit Ausscheiden aus dem Orchesterverband hat der Musiker kein Violoncello mehr angerührt. Seine beiden wertvollen Instrumente hat er verkauft, das italienische Meisterstück spielt ein aktiver Wiener Philharmoniker, den berühmten „Rotfuchs“ hütet und pflegt eine Cellolehrerin.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.08.2011)