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Immer mehr Lehrer verdienen durch Nachhilfe

Schule. Lehrer übernehmen mehr als ein Drittel der Nachhilfestunden. Eltern und Direktoren finden das problematisch.

Wien. Lehrer, die vormittags den Fünfer austeilen – und ihn am Nachmittag gegen Geld reparieren? Die Pädagogen, die aus ihrem Beruf derart Kapital schlagen, dürften in der Minderzahl sein. Dass Lehrer ihren Schülern sofort nach der negativen Zeugnisnote eine Nachhilfe vermitteln, sei aber gängige Praxis, erzählen Direktoren. Nicht selten sind es dann befreundete Kollegen, die sich des Schülers annehmen.

Denn aus schlechten Noten lässt sich gutes Geld machen – und die Lehrer schneiden am Nachhilfemarkt kräftig mit. Laut einer aktuellen Ifes-Studie im Auftrag der Arbeiterkammer (AK) schicken Eltern ihre Kinder am häufigsten zum Fachpersonal, wenn schlechte Noten drohen. Rund 34Prozent der Nachhilfestunden übernehmen demnach Pädagogen, die Institute folgen mit 31 Prozent. Zwar arbeiten auch in manchen Nachhilfeinstituten Lehrer, ihre Zahl ist aber gering.

Die meisten Pädagogen, die am Nachmittag schlechte Noten auszubügeln helfen, bieten ihre Dienste privat an – also „schwarz“. Das bestätigt auch der Wiener Stadtschulrat. Dort müssten die Lehrer der Hauptstadt ihren Nebenverdienst eigentlich anmelden. Was aber kaum passiert. Die Zahl der registrierten Lehrer ist so gering, dass sie nicht einmal ausgewertet wird. „Wir sind kein Detektivbüro“, heißt es aus dem Stadtschulrat.

Fakt ist, dass der Anteil der ausgebildeten Pädagogen unter den Nachhilfelehrern steigt. Noch im Vorjahr lagen sie mit 27 Prozent abgeschlagen auf Platz zwei, im Jahr davor war ihr Anteil noch geringer. Die AK-Bildungsexpertin Gabriele Schmid erklärt sich den Zuwachs so: Schüler stehen zunehmend unter Leistungsdruck. Eltern wollen drohende schlechte Noten mit qualitativ hochwertiger Nachhilfe abfangen – die zugleich günstig ist. Lehrer, die neben ihrer schulischen Tätigkeit Nachhilfe geben, bieten sich an: Sie sind fachlich und pädagogisch fit, sie wissen besser als die meisten, was in der Schule verlangt wird. Und günstiger als das Nachhilfeinstitut (wo Einzelstunden in Wien im Schnitt mit 31Euro zu Buche schlagen, siehe Artikel rechts) sind private Stunden allemal.


Stoff in der Schule nicht vertieft

„Es ist besser, wenn es die Möglichkeit gibt, dass Schüler den Stoff mit Personen nachlernen, die auch wissen, wie man unterrichtet“, sagt Theodor Saverschel, Chef der Elternvereine an mittleren und höheren Schulen. Doch lieb ist ihm die Konstellation nicht – zumal der Grund für den großen Nachhilfebedarf eben in der Schule zu finden sei: Lehrer haben im Unterricht nicht mehr die Zeit, um den Stoff nachhaltig zu bewältigen und zu vertiefen – eine Ansicht, die auch die AK-Expertin teilt. Dass ausgerechnet die Pädagogen von dem boomenden Nachhilfemarkt profitieren könnten, den das System Schule schaffe, sei bedenklich, sagt Schmid: „Das ist ein Hinweis darauf, wie verquer das Schulsystem derzeit funktioniert.“

Auch die ehemalige Wiener AHS-Direktorin Heidi Schrodt sieht die gängige Nachhilfepraxis kritisch. „Wer als Lehrer Nachhilfe gibt, gilt als tüchtig. Es gibt kein Bewusstsein dafür, dass das problematisch ist.“ Doch die Arbeitszeit der Lehrer findet eben nur zum Teil in der Schule statt – die unterrichtsfreie Zeit teilen sich Pädagogen in Österreich immer noch selbst ein. Wie, das kann man ihnen nicht vorschreiben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.08.2011)