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"Die vier Himmelsrichtungen": Heute stirbt jemand

vier Himmelsrichtungen Heute stirbt
Die vier Himmelsrichtungen(c) Dapd (Kerstin Joensson)
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Roland Schimmelpfennig bestärkt bei der Uraufführung von "Die vier Himmelsrichtungen" im Landestheater erneut, warum seine Stücke so gefragt sind. Hilfreich waren dabei auch tolle Darsteller.

Das Ende ist oft banal. „Und dann geht es nicht mehr weiter – und jetzt begreift er, dass die Zeit vorbei ist“, heißt es in einem der vier Schlussmonologe von Roland Schimmelpfennigs neuem Stück „Die vier Himmelsrichtungen“, einem Auftragswerk der Salzburger Festspiele. Die 100 Minuten aber, in denen der Autor und Regisseur bei der Uraufführung am Samstag im Landestheater vier Schicksale Revue passieren lässt, waren nicht trivial, sondern todernst mitten im leichten Spiel. Vier Schauspieler gestalten in konzentrierter Form einen Abend, der nachdenklich stimmt, selten Witz aufblitzen lässt, dafür aber viele poetische Momente hat, die sich mirakulös aus einem schnoddrigen Grundton entwickeln.

Ein wenig zu oft verliert sich der Text vielleicht in Wiederholungen, aber dieses Kammerspiel ist der Truppe des Deutschen Theaters Berlin, dem Kooperationspartner Salzburgs, im Ganzen wirklich eindrücklich gelungen. Schimmelpfennig beweist erneut, dass er zu Recht einer der erfolgreichsten deutschen Dramatiker ist.

 

Ein dummer Unfall löst das Drama aus

Ein Mann aus dem Süden (Ulrich Matthes), eine junge Frau aus dem Westen (Kathleen Morgeneyer), ein kräftiger Mann aus dem Norden (Andreas Döhler) und eine Frau aus dem Osten (Almut Zilcher) werden durch einen Zufall, der ein Unfall ist, zusammengeführt. Der Kräftige hat als Lastwagenfahrer zu schnell eine Kurve genommen und dabei seine Ladung verloren: 400 Kisten mit Ballons, die man zu Tierfiguren formen kann. Er lässt wie aus einer Laune den Wagen stehen, kauft eine Waffe, wird zum Räuber. Döhler ist nicht dick und riesig, aber er gibt der Rolle eine kräftige, animalische Präsenz.

Der andere Mann birgt die Ladung, sie verleiht dem Leben des Arbeitslosen wieder Sinn, er verkauft nun die Ballons als weiß geschminkter Kleinkünstler mit blau-roter Schlangenzunge. Matthes im rosa Paillettenhemd wendet schließlich seinen dunklen Anzug zur weißen Fantasie mit blauen Sternen. In seinem Gesicht changieren mit großer Raffinesse Hoffnungslosigkeit und Hoffnung. Ein Neubeginn! Und doch schon wieder so melancholisch. Groß ist die Kunst von Matthes, diese Widersprüche diskret auszudrücken. Er wendet sich von seiner Frau ab und will eine Beziehung zu einer jungen Frau eingehen, der Kellnerin, die bereits eine Affäre mit dem anderen hat. Zwischen den Männern wird es zum Kampf kommen. In diesem Drama geht es vor allem um Liebe und Tod. „Heute stirbt jemand – heute geht jemand für immer“, sagt die ältere Frau, die das Talent zum Wahrsagen hat, aber über die eigene Zukunft nichts weiß.

Zug um Zug erzählen diese vier in 52Szenen davon, was geschehen wird, geschehen ist, sie beschränken das Spiel auf sparsame Gesten. Ein bisschen Schießpulver, ein kleines Feuerwerk, ein wenig Komik strukturieren diese Aufführung, in der vor allem märchenhaft erzählt wird. Auch die Bühne wurde von Johannes Schütz minimal ausgestattet. Ein bisschen Wind und Wetter, es regnet und es schneit, Nebel fällt ein. Der Sternenhimmel leuchtet im Hintergrund, Erdhaufen gibt es überall auf der Bühne, eine Baustelle mit Aushubschaufel. Nur ein Podest hebt sich davon in der Mitte ab, das immer der oder die Erzählende betritt.

Selten stehen sie alle vier wie zu einem Chor formiert dort oben. In diesen Momenten glaubt man gewiss, ein griechisches Trauerspiel zu sehen. Tatsächlich wirkt auch der Mythos bei diesen „Himmelsrichtungen“ mit. Matthes ist Perseus, Morgeneyer Medusa – eine heikle Beziehung, die in der Antike mit Enthauptung endet. Der angebliche, nicht wirkliche Lockenkopf der jungen Frau im roten Kleid mit weißen Wolken dran erinnere an Schlangen, heißt es. Was gaukelt uns die Mythe vor? Herrlich spielt Morgeneyer die Lebenslust, sie blüht, aber in diesem Wort wächst auch Böses. Immer hat sie Kopfschmerzen, diese Medusa, und möchte deshalb ihr gar nicht grässliches Haupt am liebsten loswerden. Die Locken wachsen auch nach innen, sagt Madame Oiseau, die eifersüchtige, wahrsagende Frau, die an T. S. Eliots „Madame Sesostris, famous clairvoyante“ in „The Waste Land“ erinnert. Auch sie ist eine Todesbotin. Zilcher spielt entschieden eine ruhige, starke Frau mit der unheimlichen Fähigkeit, unbemerkt verschwinden zu können. Sie ist eine, die ihr Gesicht im Spiegel manchmal nicht sieht.

 

Eros und Thanatos und ein Riesenrad

Die Ahnungen werden dichter, auch die Tiersymbolik (Frosch, Storch, Schwein, Schlange) verheißt nichts Gutes. Davon lenken die Tändeleien, der Drang zum Sex, die Suche nach Liebe nur kurzfristig ab. Ein zweites Motiv wird ebenfalls wieder und wieder angesprochen: der Kampf des Kleineren gegen den Riesen, bei dem die Fäuste fliegen werden, bei dem etwas brechen wird. Der Text kreist ein wenig um Eros, stärker aber um Thanatos. Von tödlichen Überfällen wird erzählt, von einem grauenhaften Finale.

Das Ende aber ist kein Rasen gegen das Schicksal, kein Hadern mit Gott und der Welt, sondern ein stiller Abschied, langsame Versteinerung, wenn man so will. Alle vier treten nacheinander wie Delinquenten auf das Podest, für ihr Schlusswort, sie schreiten nacheinander diskret in den Hintergrund, wo hoch oben kalt die Sterne leuchten, mit dem Bild von Perseus und dem Haupt der Medusa vielleicht. Möglicherweise zeichnet sich sogar der Nebel der Andromeda ab, und eine abstrakte Ahnung von Cassiopeia.

„Es ist vorbei“, hört man sagen, oder: „Das ist dein Untergang.“ Ein Zug fährt ein, eine Frau bleibt für 20 Jahre an diesem Ort. Ein Zug fährt ab. Sie ist verschwunden. Jetzt steht das mythologische Quartett hinten in einer Reihe, wie am Anfang wird ein Ghettoblaster eingeschaltet. Lateinamerikanische Tanzmusik. Es wird dunkel. Schimmelpfennig schafft in großer poetischer Verdichtung mit derartigen Bildern Magie. Höflicher, lang anhaltender Applaus für den Autor und Regisseur – und für sein starkes Ensemble.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.08.2011)