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„Wie ist es möglich, so ganz ohne Mitleid zu sein?“

Der Massenmord von Oslo mag ein Fall für die Politikwissenschaft sein. Er ist aber mindestens genauso ein Fall für die Psychologie.

Subtext

Bruder Breivik“ überschrieb die „Welt“ – in Anspielung an den Essay „Bruder Hitler“ (1939), in dem Thomas Mann versuchte, Hitler als gescheiterten, dekadenten Künstler zu interpretieren – einen Kommentar über den Attentäter von Oslo.Dessen Geschichte, heißt es darin, erzähle „auch jene des europäischen Bürgertums, das sich so grenzenlos bedroht fühlt“. Wie viele der ihm verhassten Islamisten sei er ein „blockiertes Elitekind“, ein „gebrochenes Prinzlein“.

Das mag sein. Solche Analysen – und man hat viele gelesen in den letzten Tagen – sind geistreich, manchmal bestechend, aber ihnen fehlt viel.

Denn der Massenmord von Oslo mag eine von rechtsextremer Ideologie getriebene Tat gewesen sein – ihn „politisch“ zu nennen, sträubt man sich schon –, aber ein solches Verbrechen wäre genauso schrecklich, wenn es zur höheren Ehre eines Gottes oder im Namen von Freiheit, Demokratie oder Gerechtigkeit begangen würde. Uns erschreckt nicht die irre Begründung, die der Mörder liefert, nein, wir stehen fassungslos vor der Vorstellung, dass er sehenden Auges 77 Menschen umbringen konnte – „wir werden von Entsetzen ergriffen und rufen aus: ,Wie ist es möglich, so etwas zu tun?!‘“

Das schrieb Arthur Schopenhauer in „Über die Grundlage der Moral“ (1838) über unsere Reaktion auf gräuliche Verbrechen. Und er führte aus:

„Was ist der Sinn dieser Frage? Ist es vielleicht: Wie ist es möglich, die Strafen des künftigen Lebens so wenig zu fürchten? – Schwerlich. – Oder: Wie ist es möglich, nach einer Maxime zu handeln, die so gar nicht geeignet ist, ein allgemeines Gesetz für alle vernünftigen Wesen zu werden? (Anm.: Hier umschreibt Schopenhauer den kategorischen Imperativ, der laut Kant die Moral regieren sollte.) – Gewiss nicht. – Oder: Wie ist es möglich, seine eigene und die fremde Vollkommenheit so sehr zu vernachlässigen? – Eben so wenig. – Der Sinn jener Frage ist ganz gewiss bloß dieser: Wie ist es möglich, so ganz ohne Mitleid zu sein?“

„Nichts empört so im tiefsten Grunde unser moralisches Gefühl wie Grausamkeit“, erklärte Schopenhauer und nannte Grausamkeit „das gerade Gegenteil des Mitleids“. Das klingt präzise, lässt aber offen: Ist Grausamkeit nur das Fehlen von Mitleid, moralische Blindheit? (Wahrscheinlich ist mit dem „verlorenen Realitätsbezug“, von dem die Psychologen in solchen Fällen gern reden, in Wahrheit das gemeint.) Oder gehört zur Grausamkeit eine libidinöse Komponente? Ist sie eine Verkehrung, eine Perversion des Einfühlungsvermögens, in der man das Leid anderer sehr wohl mitfühlt, aber nicht als Leid, sondern als Lust?

„Die Mordlust gibt es als pathologisches Phänomen nicht“, behauptet laut der Zeitung „Österreich“ eine namhafte österreichische Psychiaterin und Gerichtsgutachterin. Wenn sie das wirklich gesagt hat, widerspricht sie damit den Selbstzeugnissen zahlreicher Serienmörder, die glaubhaft berichteten, bei ihren Taten große Lust verspürt zu haben. Ob das bei Breivik so war? Man weiß es nicht.

Dass Grausamkeit nicht, wie noch vor 20Jahren viele glaubten – allen voran die Psychologin Alice Miller („Im Anfang war Erziehung“) –, nur eine (durch Erziehung und Kultur) erworbene Eigenschaft ist, darauf können sich heute die meisten einigen. Auf viel mehr nicht. Die Psychologie steht, so scheint es, weiterhin hilflos vor dem grausamen Bruder.

 

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2011)