Wasserkraft ist zwar eine erneuerbare, aber keine klimaneutrale Energie. Ihr Beitrag zu den Treibhausgasen ist schwer messbar. Manche Seen setzen 10 mal soviel Treibhausgas frei wie ein Kohlekraftwerk.
Opfert nicht die Blutgefäße des Planeten für die Lunge!“ Mit diesem Appel reagierte Peter Bosshard – von „International Rivers“, eine NGO zum Schutz der Flüsse –, auf den letzten Bericht des UNO-Klimabeirats IPCC. Der hatte sich mit erneuerbaren Energien befasst und ihr Potenzial für das Jahr 2050 auf bis zu 77 Prozent des gesamten Energiebedarfs veranschlagt. Darüber schüttelten Kundige den Kopf, Unkundige bald auch: Der IPCC ist ein Forum aus unabhängigen Forschern – so stellt(e) man sich das zumindest vor –, aber einer der Verfasser des Berichts war Interessensvertreter, Sven Teske von Greenpeace. Von dieser Organisation bzw. Teske selbst stammte auch die frohe Botschaft von den 77 Prozent. Nur: Dass Teske Greenpeace-Campaigner ist, stand nirgends im Bericht.
Erwärmungsskeptiker schlugen Alarm, Greenpeace/Teske wehrten sich (matt): Bei IPCC-Berichten würden viele Interessensgruppen mitschreiben, etwa die Atomindustrie. Das war völlig richtig, auch Vertreter der Wasserkraft schreiben mit, vor allem bei der erneuerbaren Energien waren sie federführend: Wasserkraft ist mit Abstand die wichtigste Erneuerbare, 16 Prozent trägt sie zur Elektrizität bei (und die macht 17 Prozent der Gesamtenergie). Derzeit gibt es 45.000 große Staudämme – Mauer höher als 15 Meter –, sie sind in Summe so groß wie das Kaspische Meer und ließen im Jahr 2009 bei einer installierten Leistung von 902 Gigawatt 3551 Terrawattstunden fließen. Laut IPCC könnte und sollte man das vervierfachen, mit hohem Nutzen und kaum Schaden für das Klima: „Abschätzungen über die Lebenszeit von Staudämmen deuten auf sehr geringe Emissionen von Kohlenstoff hin“ (ippc-wg3.de).
„Von den neun Autoren des IPCC-Berichts kommen zwei von den größten Wasserkraftfirmen der Erde, ein dritter ist Wasserkraft-Konsultant, und drei weitere fördern die Wasserkraft in nationalen Energieagenturen“, recherchierte Bosshard. Er musste es recherchieren, weil auch diese (unbestrittenen) Experten im IPCC-Bericht nicht in ihrer beruflichen Funktion ausgewiesen waren.
Balbina: Treibhausgasschleuder
Dann bilanzierte er selbst und zeigte am abschreckendsten Beispiel, wie Wasserkraft heizen kann (internationalrivers.org): Der Stausee heißt Balbina, bedeckt in Brasilien 2360 Quadratkilometer – das Burgenland hat 3965 –, flach, 7,4 Meter im Schnitt. Entsprechend gering ist seine Leistung (250 MW), entsprechend hoch sind seine Emissionen: Das Becken wurde geflutet, ohne den Wald zu roden, deshalb verrottet der zu Methan (CH4) und Kohlendioxid (CO2) – und setzt in Summe zehn Mal soviel Treibhausgase frei wie ein Kohlekraftwerk mit gleicher Leistung.
So arg ist es nicht überall, aber im Durchschnitt emittieren die großen Stauseen in den Tropen zwei Mal so viel Treibhausgase wie entsprechende Kohlekraftwerke, sie sind für vier Prozent des anthropogenen Kohlenstoffs in der Atmosphäre zuständig, etwa so viel wie der Luftverkehr. So kalkuliert Bosshardt im Anschluss an van Lima (Mitigation and Adaption Strategies for Global Change, 2008), andere kommen zu ähnlich hohen Schätzungen: Menschengemacht gehen jedes Jahr 10.400 Teragramm Kohlenstoff (aus CO2 und CH4) in die Luft, davon stammen 321 Tg aus Stauseen (Bioscience 50, S.766).
Die Wahrheit wird irgendwo zwischen IPCC und „International Rivers“ liegen: Fábio Roland (Juiz de Fora, Brasilien) hat Daten von 85 großen Stauseen in aller Welt ausgewertet und kommt auf einen Jahresausstoß von 51 Tgr Kohlenstoff – im schlimmsten Fall könnten es doppelt so viele sein (Nature Geoscience, 31. 7.). Allerdings sind alle Seen Netto-Emittenten beim CH4 (die meisten auch beim CO2) und sie sind es vor allem dort, wo die großen Hoffnungen der Wasserkraft-Interessen liegen, in den Tropen.
Was wirklich der Worst Case ist, weiß niemand, erklärt Bernhard Wehrli (ETH Dübendorf) in einem Begleitkommentar: Methan kommt aus Stauseen auf drei Wegen in die Luft: Es diffundiert durch das Wasser, das kann man gut messen; es wird nach den Turbinen frei, auch das kann man gut messen; es blubbert in Blasen, als „Ebullition“, das darf man mit „Flatulenz“ übersetzen, es ist schwer messbar. „Erneuerbar“ sei Energie aus Wasserkraft, schließt Wehrli, „aber nicht treibhausgasfrei“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2011)