Sollen Diskutanten im Netz anonym bleiben? Der Streit nimmt Orwell'sche Ausmaße an – zumindest in der „ZiB2“.
KOMMENTARIn der guten alten Zeit ging anonyme Leserpost in Zeitungsredaktionen ungeöffnet in den Papierkorb: Wer nicht mit Namen und Adresse für seine Meinung einstehen wollte, hatte in der öffentlichen Debatte nichts verloren. Das war eine Selbstverständlichkeit, es lebte von der Emphase der Aufklärung und sollte sicherstellen, dass in der politischen Entscheidungsfindung die vorgetragenen Argumente zuordenbar waren, auch den Interessen der Vortragenden: Im Parlament reden schließlich auch keine Kapuzenmänner bzw. -frauen.
Aber im Internet posten (fast) nur Pseudonyme – unter mehr oder weniger humorigen Noms de Guerre –, und was ihnen gerade so in die Finger schießt, wird ganz selbstverständlich online gestellt. Das verändert die Debatte im Kern – eine Verantwortung für die eigene Meinung gibt es nicht mehr –, es prägt sie aber auch in die feineren bzw. unfeineren Verästelungen: Das Posten unter Pseudonym hebt den Mut und senkt die Scham, aggressiv und rüde geht es zu. Aber mit bestem Gewissen: Was einen denn daran störe? So seien eben die Sitten im Internet, und außerdem müsse man sich schützen, es könne ja jeder mitlesen, die Staatspolizei oder der Chef. Doch, solche Antworten bekommt man, wenn man sich als harmloser Wissenschaftsjournalist gegen anonyme Beschimpfungen wehrt (davon ist hier die Rede, nicht von politischen Bloggern in irgendeiner Diktatur).
Schließlich hatten selbst die Urheber dieser Kommunikationsweise selbst genug, „Google+“ forderte Klarnamen, Randy Zuckerberg zog nach, die Schwester des Facebook-Tycoons. Aber nicht mit uns bzw. der „ZiB2“! Die entlarvte am Montag Zuckerbergs Motive: Der interviewende Journalist sah in der Namenstransparenz einen „globalen Maulkorb“, und der interviewte Datenschützer pochte auf „die Möglichkeit, sich auch anonym zu äußern. Eine (politische) Wahl kann nur demokratisch legitim stattfinden, wenn ich sie anonym tätigen kann.“ Also: Wer sich deklarieren soll, wird dadurch zum Schweigen verurteilt, und der Kern der Demokratie liegt im Dunkeln. Orwell würde blass vor Neid über derartiges Neusprech. Apropos: Google & Co. wissen schon, hinter welchem Pseudonym wer steckt.
Mails an: juergen.langenbach@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.08.2011)