Wo hat der Mond bloß seine zwei Gesichter her?

(c) Dapd (Martin Jutzi/Erik Asphaug)
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Die abgewandte Seite ist ganz anders als die, die wir sehen. Möglicherweise kommt das von der Anlagerung eines zweiten Mondes. Die Kruste des Monds ist auf der abgewandten Seite viel dicker.

Die „dunkle Seite“ des Mondes ist nur eine Metapher, auch sie gerät ins Sonnenlicht. Wir sehen es nur nicht – von der Erde aus –, weil der Begleiter diese Seite ständig von uns abwendet. Aber seit sie uns doch vor Augen gekommen ist – 1959 sendete die russischen Raumsonde „Lunik 3“ erste Bilder –, liegt sie wirklich im Dunkeln. Und nicht nur sie, sondern der gesamte Mond: Er hat zwei völlig unterschiedliche Gesichter. Das der Erde zugewandte ist flach und vor allem mit „maria“ überzogen, einst hielt man sie für wirkliche Meere, dann zeigte sich, dass sie mit Basalt gefüllt sind, erstarrter Magma aus der Tiefe.

Auf der Rückseite hingegen türmen sich Gebirge. Weitere Erkundungen machten das Rätsel noch größer: Die Kruste des Monds ist auf der abgewandten Seite viel dicker, und auf der uns zugewandten findet sich im Mondgestein eine chemische Signatur, die dort nicht sein dürfte, KREEP. Das ist ein Akronym aus Kalium, seltenen Erden (Rare Earth Elements) und Phosphor. Die Mischung hätte aus dem einst flüssigen Mond – er war bei seiner Bildung ein „Magmaozean“ – erst spät auskristallisieren sollen. Sie sollte sich also nur dort finden, wo der Mond zuletzt erkaltete, tief in seinem Inneren.

Gewaltige Kollisionen

Aber es findet sich auf der uns zugewandten Seite auch weit oben. Zur Erklärung dieser Wunderlichkeiten gab es viele Hypothesen, befriedigen konnte keine. Nun setzt Eric Asphaug (University of California) an der vermutlichen Entstehung des Mondes an; diese begab sich vor etwa 4,5 Milliarden Jahren, das Sonnensystem war noch ganz jung. Und in ihm war der Teufel los: Riesige Gesteinsbrocken rasten herum, einer traf in einem „giant impact“ den Mars – und stattete auch ihn mit zwei Gesichtern aus, im Süden ragen Gebirge, der Norden ist flach, dort war der Einschlag. Ein anderer, selbst so groß wie der Mars, fuhr in die Erde und schlug aus ihr das Material heraus, auf dem sich dann der Mond bildete. Zumindest tut er das in Computersimulationen – aber auf manchen von ihnen entsteht nicht nur ein Mond, sondern noch ein zweiter, viel kleinerer.

Daran setzt Asphaug mit eigenen Simulationen an: Der uns bekannte Mond – er hat 3500 Kilometer Durchmesser – könnte von einem kleineren begleitet worden sein, 1200. Und das ging lange gut, denn der kleinere saß an einem Lagrange'schen Punkt, das ist ein Ort in der Himmelsmechanik, an dem die Gravitation benachbarter Gestirne – in diesem Fall: Erde und Mond – und ihre Zentrifugalkraft sich gegenseitig aufheben. Was dort hingerät, bleibt stabil dort. Aber unser Mond blieb nicht stabil, er entfernte sich langsam von der Erde. Damit verlor der Lagrange'sche Punkt seine Kraft, der kleinere Mond stürzte in den größeren und bildete die Gebirge, die die heutige Rückseite prägen.

Ein Einschlag, der keinen Krater bildet, sondern Berge? Asphaug rechnet mit einer so geringen Aufprallgeschwindigkeit – 2,4 Km/s –, dass der kleine Mond nicht mit Gewalt in den großen hineinfuhr, sondern sich eher sanft anlagerte. Aber doch kräftig genug, um das noch kochende Innere mit seinem KREEP an die andere Seite des Mondes und dort nach oben zu drücken (Nature, 476, S.69).

Natürlich ist das eine Simulation. Aber man könnte sie testen, mit Gestein von der Rückseite des Mondes: Das müsste älter sein, weil der kleinere Mond früher auskühlte, Gestein wurde. Allerdings hat man keines von der Rückseite des Mondes, es ist auch kein Einholen geplant. Aushelfen könnten exaktere Gravitationsmessungen, die die Verteilung des KREEP im Detail zeigen. Eine solche Mission gibt es nächstes Jahr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2011)

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