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Obama: Der abgestumpfte Visionär wird 50

(c) EPA (MICHAEL REYNOLDS)
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Präsident Barack Obama zelebriert seinen 50. Geburtstag. Überschäumende Freude kommt nicht auf. Die Politschlacht in der Schuldenfrage hat Nerven und Ansehen gekostet, das Amt fordert seinen Tribut.

Washington D. C. Beinahe hätte die Tea Party ihm die Geburtstagsparty verdorben. Ihr zäher Widerstand gegen einen Kompromiss in der Schuldenfrage hat Barack Obama gewiss ein paar graue Haare wachsen lassen, was der Präsident selbstironisch kommentiert hat: „Viele kennen mich noch aus einer Zeit, in der ich noch keine grauen Haare hatte. Aber Michelle findet mich trotzdem noch ganz süß, und darauf kommt es schließlich an.“

Das Amt fordert seinen Tribut, der Inhaber des Weißen Hauses altert vor den gnadenlosen Augen der Öffentlichkeit. Bill Clinton und George W. Bush ergrauten rasch unter der Bürde, nur Ronald Reagan schaffte es, dank der Kunst seines Coiffeurs und der Chemie seinen dichten dunkeln Haarschopf zu behalten. Dafür litt sein Erinnerungsvermögen eklatant.

Rechtzeitig zu Obamas heutigem 50. Geburtstag stellte sich der Kongress mit einem Präsent ein – einem Geschenk, das freilich nicht hübsch verpackt war und dessen Inhalt einen gewissen Hautgout verbreitete. Der Deal zur Anhebung des Schuldenlimits offenbarte die hässliche Seite der Demokratie: das Gezerre, die Politmanöver, den Kuhhandel. In öffentlichen Stellungnahmen verzog der Präsident darob die Miene.

 

Fern des schmutzigen Infights

Oft als abgehobener Professor mit einem Zug zur Arroganz charakterisiert, umgeben von einem Schutzschild der Coolness, wollte sich Obama nicht die Finger schmutzig machen und schickte Joe Biden an die Verhandlungsfront – ein gewiefter taktischer Schachzug im finalen Gefeilsche. Als langjähriger Senator hat der Vizepräsident alle Tricks des politischen Infights intus. „Amtrak Joe“, so sein Spitzname wegen seines Faibles für die Eisenbahn, verkörpert den Kumpeltyp, warmherzig, als Plappermaul nicht vor Schwächen und Eitelkeit gefeit. Die Kolumnistin Maureen Dowd beschreibt Obama dagegen gern spöttisch als „Spock“, als Außerirdischen mit überlegener Intelligenz, die er seine Umwelt spüren lässt, aber mit emotionalem Manko.

Die hochtrabenden Visionen des Wahlkampfs hat Barack Obama mittlerweile gegen den Pragmatismus der Macht eingetauscht. Bei seiner Rede beim demokratischen Parteikonvent in Denver hatte der Kandidat, hingerissen von seiner Rhetorik, vor drei Jahren bereits sein politisches Testament formuliert: „Wenn wir eines Tages zurückblicken werden, werden wir unseren Kindern von dem Augenblick erzählen, an dem der Anstieg der Ozeane zu sinken und die Erde zu heilen beginnt, von dem Moment, an dem wir einen Krieg beendet, unsere Nation sicherer gemacht und unser Image als Inkarnation der Hoffnung in der Welt wiederhergestellt haben.“

Verklungen ist die „Poesie des Wahlkampfs“, nun regiert nach einem Zitat des New Yorker Ex-Gouverneurs Mario Cuomo die „Prosa des Amtsgeschäfts“. Wie Bill Clinton ist Obama inzwischen in die Mitte gerückt, seine Mission als weltpolitischer Heilsstifter hat der Friedensnobelpreisträger, aufgerieben von den innenpolitischen Scharmützeln, weitgehend ad acta gelegt. Von einer Aussöhnung mit dem Iran, vom Frieden im Nahen Osten oder vom „arabischen Frühling“ ist kaum die Rede – außer in Lippenbekenntnissen.

Die Supermacht ist geschwächt, der Präsident angeschlagen und sein Hauptaugenmerk gilt dem „Wiederaufbau“ in der Heimat, wie er nach der Entscheidung über den ersten Truppenzug aus Afghanistan offen eingestand. Es scheint eine Ewigkeit her seit der spektakulärsten Aktion seiner Amtszeit, die ihm allseits Lob für seinen Mut und seine Risikobereitschaft eingetragen hat – und dabei sind doch erst drei Monate vergangen seit jenem Sonntag, an dem er spätabends mit einer Sensation vor die Presse trat.

 

Der Osama-Coup

„Mister Präsident, Sie sind richtig gut darin, Geheimnisse zu verbergen“, würdigte ihn Verteidigungsminister Robert Gates später bei dessen Abschiedszeremonie. Obama hatte ihn mit der Verleihung der „Medal of Freedom“ überrascht, der höchsten zivilen Auszeichnung der USA. Gates spielte auf den Coup der Tötung Osama bin Ladens an, einem Kommando, mit dem der Präsident eine rachdurstige Nation verblüfft hatte.

Im Weißen Haus sprudelte damals nicht der Champagner, und auch jetzt schäumte die Party-Stimmung trotz einer Geburtstagsgala in Chicago nicht über – sie diente vor allem dazu, Wahlkampfspenden aufzutreiben.

Die Mär der Verschwörungstheoretiker, der „Birther“, ist indes vom Tisch. Mit seinem Geburtszertifikat wischte Obama Zweifel beiseite, er sei nicht in Honolulu auf Hawaii geboren worden. Mit Selbstironie und einem Anflug von Arroganz verhöhnte er die Skeptiker, als er sein „Geburtsvideo“ präsentierte, eine Sequenz aus „Der König der Löwen“: Obama als Simba, aufgewachsen im Löwenrudel.

Auf einen Blick

Geburtstagsparty. In Chicago spielten Jennifer Hudson und Herbie Hancock für den Präsidenten auf. Mit der Vorlage seines Geburtszertifikats zerstreute Barack Obama die Zweifel der Verschwörungstheoretiker – die „Birther“ der Tea Party –, er sei nicht in den USA geboren. Er kam in Honolulu auf Hawaii zur Welt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 4. August 2011)