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Die Schlucht in der Stadt

Kommerzielle Bauaufgabe, virtuos gelöst: Henke und Schreieck konzipierten eine „gläserne Box mit schrägem Anschnitt“ als Büro- und Geschäftshaus. Zu finden in der Mariahilfer Straße, Wien-Neubau.

Die Mariahilfer Straße boomt. Wenn das Wort „Menschenstrom“ irgendwo angebracht ist, dann hier an einem sonnigen Nachmittag, wenn sich die Massen langsam an den Geschäften und Lokalen dieser größten Einkaufsstraße Wiens vorbeiwälzen wie ein Fluss durch ein breites Bergtal. Nirgendwo sonst ist Wien so dicht bebaut wie hier. Der Straßenraum wird begrenzt von einer bis zu 25 Meter hohen, beinahe kompakten Blockbebauung, in der die wenigen Höfe gerade das erforderliche Minimum an Belichtung herstellen.

Aufgebrochen wird diese Typologie an einigen Stellen durch sogenannte Straßenhöfe, scheinbar Quergassen, in Wirklichkeit aber auf privatem Grund liegende Hofräume an der Grundstücksgrenze, die in der Regel auch öffentlich zugänglich sind. Da sie im Unterschied zu „echten“ Straßen keinen weiteren Durchgang anbieten, wirken sie wie ein Talschluss im Gebirge: Man kann sie bewandern, muss sie aber auf demselben Weg wieder verlassen.

Mit dem Büro- und Geschäftshaus in der Mariahilfer Straße 36 haben die Architekten Marta Schreieck und Dieter Henke diesen Typus des Straßenhofs neu interpretiert. Zur Verfügung stand ihnen dafür eine extreme schmale Parzelle mit 17 Metern Breite und 65 Metern Tiefe, deren Bebauungsplan ein Vorderhaus, einen Innenhof mit Seitentrakt und ein Hinterhaus vorsah.

Henke und Schreieck entwickelten dazu eine raffinierte Alternative, die aus dem verfügbaren Raumvolumen eine Art Schlucht, die vom Straßenniveau aus über eine Rolltreppe zugänglich ist, herausschneidet. Über diese Treppe erreicht man auf der Ebene des dritten Geschoßes eine lang gestreckte Terrasse mit Blick auf die Mariahilfer Straße, die der Weinhandlung und Bar auf diesem Geschoß als Außenbereich dient.

Begleitet wird dieser Weg auf der einen Seite von einer Stahlbetonwand, in die kreisrunde Leuchtkörper eingelassen sind, auf der anderen Seite von der leicht geneigten Glasfassade der Bürogeschoße, die am Ende der Schlucht im rechten Winkel an die Stahlbetonwand anschließt. Die Glasfassade ist hier deutlich nach hinten geneigt, um den Abschluss weniger abrupt wirken zu lassen und mehr Licht in den Raum zu bringen. Zusätzliche Dramatik (und vermietbare Flächen) bringen drei Querspangen, die die Schlucht überspannen beziehungsweise den oberen Abschluss des gesamten Ensembles bilden.

Von der Mariahilfer Straße aus betrachtet, wirkt das Gebäude als einprägsame Figur, eine gläserne Box mit schrägem Anschnitt. Die Querspangen ziehen den neugierigen Blick in die Tiefe der Parzelle und laden ein, die Schlucht näher zu erforschen. Kommerziell hat sich diese Lösung jedenfalls bewährt: Die Weinhandlung, die nur über die Rolltreppe und einen Lift zu erreichen ist, floriert, und die Büros sind komplett vermietet. Das ist trotz guter Adresse keine Selbstverständlichkeit: Ein Blick in die umliegenden Höfe zeigt einen beachtlichen Leerstand, der nicht zuletzt durch die ungünstige Hinterhoflage vieler Büros begründet ist.

So wie bei früheren Projekten, etwa dem Büro und Geschäftshaus k47 am Franz-Josefs-Kai, gelingt es Henke und Schreieck den Ort zu respektieren, aber zugleich neue konstruktive und bautypologische Möglichkeiten auszunutzen, um eine Lösung zu finden, die den konventionellen Typologien in wichtigen Punkten überlegen ist.

Das Material- und Detailspektrum, das dabei zum Einsatz kommt, orientiert sich an der klassischen Moderne: Sichtbeton, Stahl- und Aluminiumprofile, raumhohe Verglasungen. Wem dieses Vokabular nicht „aktuell“ genug ist oder zu langweilig, der geht von einem Architekturbegriff aus, der sich vor allem im fotografischen Abbild möglichst plakativ bestätigt sehen möchte. Die Projekte von Henke und Schreieck sehen stattdessen auf Fotos zurückhaltend und elegant aus. Ihre spezielle Qualität erschließt sich erst im direkten Erlebnis: die leicht in den Straßenraum hinausgeschobene Fassadenlösung mit der verglasten Ecke, die einen famosen Blick in die Tiefe der Mariahilfer Straße bietet; der Effekt der schräg gestellten Glaswände über der Terrasse; die Büroräume, die auch noch tief im Baublock von der Öffnung zur Mariahilfer Straße profitieren; und schließlich die Verbindung all dieser Eindrücke zu einem eindrücklichen Ganzen, das sich nicht auf ein Foto komprimieren lässt.

Was am Ende so selbstverständlich und leicht wirkt, ist das Ergebnis einer minutiösen Planung unter höchst komplexen Rahmenbedingungen, die sich den Planern als Verknotung von Haustechnik und Statik, Baurecht und Kosten darstellen. Wer hier als Architekt keine anderen Kompetenzen einbringen kann, als hübsche Bilder zu erzeugen, ist auf verlorenem Posten und endet als Dekorateur von Standardlösungen, die andere entwickelt haben.

Henke und Schreieck beweisen mit diesem Projekt einmal mehr ihre Kompetenz im Blick aufs Ganze, vom städtebaulichen Konzept bis zum konstruktiven Detail. Dass sie auch mit feinen Zwischentönen umzugehen wissen, zeigt sich in der Bar der Weinhandlung, in der sie in Zusammenarbeit mit der Künstlerin Ursula Aichwalder die Inneneinrichtung gestaltet haben. Das Vokabular erweitert sich hier mit einer differenzierten Palette von Farben und einfachen Materialien in edler Verarbeitung, die der Aufgabe, eine Bar zu schaffen, die sowohl untertags als auch am Abend funktioniert, elegant gerecht wird.

Damit bei einer trivialen Bauaufgabe wie dieser eine derart hohe Qualität gelingt, braucht es aber mehr als nur gute Architekten und Fachplaner. Es braucht dazu einen Bauherren, der sich nicht mit der einfachsten Lösung zufrieden gibt: Hier war es die Palmers AG, die schon auf einer benachbarten Parzelle ein Projekt mit Adolf Krischanitz realisiert hat. Und es braucht Beamte und Politiker im Bezirk, die mit dem in anderen Fällen zu traurigem Ruf gekommenen Ausnahmeparagrafen der Wiener Bauordnung verantwortungsvoll umgehen. Hier ist er jedenfalls nicht nur im Sinn des Investors zum Einsatz gekommen, sondern vor allem im Interesse der Stadt und ihrer Bewohner. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2011)