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Graz: "Der Fluss ist ein Wesen"

(c) GEPA (Franz Pammer)
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Die Mur von innen: Im Schlepptau zweier Murschwimmpioniere flussabwärts durch die Stadt.

Auwald rauscht vorbei, alter, schöner Baumbestand, teils von Lianen überwuchert. Die Oberkante bunter Dächer blitzt kurz auf. Brückenpfeiler stemmen sich in großen Abständen in die Fluten. Nichts von der Gewerbezone, den Wohnsiedlungen, dem Verkehr da oben ist da unten in der Mur spürbar. Steinbrocken halten den Fluss zwar im Zaum, doch die Strömung schafft an manchen Stellen unregelmäßigere Uferzonen.

„Der Fluss ist ein Wesen“, sagt Veronika Hopfer, mit jedem Hochwasser verändere er ein wenig seinen Verlauf, auch wenn er so reguliert sei wie die Mur im Abschnitt Graz. Steine liegen dann anders, Stromschnellen verschieben sich Meter weiter. Und an den Brückenpfeilern, wo Treibgut anlandet, ändern sich die Hindernisse unter der Wasseroberfläche. Da müsse man besonders aufpassen.

Hopfer und ihr Mann Michael Kittler lesen das Flusswasser wie ein Bild, erkennen am Weiß der Wellenkronen, an dunkleren Stellen, an wechselnden Schraffuren, wo sich neuralgische Stellen für das menschliche Treibgut befinden. „Nicht überall dort, wo ein Stein liegt, muss gleich ein Strudel sein. Der kann auch später kommen.“ Einen Fluss genau zu studieren gehört zum Marschgepäck von Kanu-Sportlern wie Hopfer und Kittler. Warum also nicht auch in den Flüssen schwimmen, die man sonst befährt?

Diese Innenperspektive auf ihren Fluss haben nur sehr wenige Grazer. Schiffe verkehren hier nicht, gefischt wird an den Ufern wenig. Der Radfahrer und Läufer bewegt sich eine Etage weiter oben. Man muss schon in der Mur schwimmen, um ihr „Wesen“ zu erfahren. Michael Kittler und Veronika Hopfer vom Sport- und Abenteuerteam tun das seit vielen Jahren, sie nehmen als ausgebildete Schwimmtrainer Interessierte mit in die Fluten. Die Mur ist dann eine Herausforderung für geübte Schwimmer, wenn es um die Distanz geht. Für den Normalschwimmer auf kürzerer Etappe wird das Erlebnis eher zu einer Frage von Bauchmuskeln und der Bereitschaft, seinen Strömungskörper der Eigendynamik des Flusses zu überlassen. Und den Anweisungen der beiden Outdoor-Experten.

 

Michelinmännchen

Die Frage nach der Mur-Temperatur stellt sich nicht. Es komme wie bei allen Outdoor-Aktivitäten auf die richtige Ausrüstung an, die zehn, zwölf Grad wären dann egal. Gleich steckt der geneigte Murschwimmer in ebendieser – einer Neoprenschicht, trickreich mithilfe eines Plastiksacks in sie hineingestiegen. Die Flossen kommen erst im Wasser an die Füße.

Nördlich von Graz, nach dem Wehr bei Weinzödl, startet die Einführung in das Element. Hier dreht man als Michelinmännchen mit Hopfer eine erste Proberunde in ruhigem Gewässer, um die Schwimmleistung festzustellen und ein paar Tricks zum Navigieren zu lernen, während das Auto an die Ausstiegsstelle transportiert wird, damit man dann nicht voll adjustiert zurückgehen muss.

 

Rücklings, Kopf voraus

Sich dem Fluss hingeben – man erfährt's gleich am eigenen Leib: mit dem Kopf flussabwärts rücklings im Wasser liegen. Die Flossen machen unter Wasser Antrieb, denn so schnell, wie man zuerst glaubt, ist der Fluss an vielen Stellen gar nicht. Kittler schwimmt voraus und ortet die Lage, Hopfer macht die Nachhut. Beim Kreuzen greift sie nach der Hand und hilft einem, schnell die Richtung zu ändern. Bei größeren Steinen, schnelleren Stellen, Brücken gibt es die Anweisung, sich umzudrehen. Der Kopf zeigt dann flussaufwärts, der Körper liegt flach wie ein Brett, die Flossen werden zum Schutz aufgestellt. Wer weiß, was da an Hindernissen daherkommt. „Es würde ja auch niemand einen Köpfler vom Kirschbaum machen.“

An manchen Abschnitten kann die Mur unerwartet seicht sein. Dann spürt man unter sich das Material, das sie transportiert. Und was in ihr ungewollt landet. Schnell hat man sich an die Strömung gewöhnt. Nach einer halben, dreiviertel Stunde, bei der Kalvarienbergbrücke, könnte das Abenteuer auch schon wieder vorbei sein. Oder man treibt weiter nach Süden, wo man zum Gaudium der Murbrücken-Passanten das ganze Stadtzentrum durchschwimmt. In diesem Fall handelt es sich um eine gröbere Challenge, denn Hopfer und Kittler warnen, dass die künstliche Murinsel links und rechts nicht viel Spielraum lässt. Man müsse dort schon präzise manövrieren. Und dann sei da noch der Stein unter der Brücke mitten in der Stadt, der einem Boot zum Verhängnis wurde und die damalige Schifffahrt zum Erliegen brachte.

 

Gute Wasserqualität

Die substanzielle Verfassung des Flusses war größeren Veränderungen unterzogen, seine Form mit dem geplanten Bau eines Kraftwerks im Süden von Graz ist aktuell im Streitgespräch. „Unsere Großeltern gingen darin noch baden“, erzählt Kittler, danach sei es mehr eine Mutprobe gewesen, in die immer dreckiger werdende Mur zu springen. Verbürgt ist auch die Story der Studenten, die Anfang der Achtziger mit Murwasser einen Film zu entwickeln versuchten, um zu zeigen, wie stark das Material mit der Chemie im Fluss reagiert. Das ist heute längst Geschichte, „die Mur sauber, hat Güteklasse eins“ sagt Kittler. Dennoch sei mit dem Umstand, dass Abwässer schon lange nicht mehr darin landeten, die alte Tradition des Flussbadens nicht wieder aufgelebt.

Bei aller Bereitschaft – Kittler und Hopfer sind vorsichtig, wenn sie „Abenteuer vor der Haustür“ entwickeln, sei es für grenzerfahrungssuchende Manager oder für verstädterte Kinder und Jugendliche. Risikoeinschätzung, Vorbereitung, die Kenntnis von Techniken – wie wird man in drei Minuten startklar, wie kocht man ohne Gaskartusche – seien entscheidend. „Niemand, der an einem Marathon teilnimmt, beginnt erst kurz vorher zu trainieren“, sagt Kittler. Für den Fluss haben wir ja schon einmal geübt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2011)