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Sex-Thriller: Ein Meisterwerk wird auf den Kopf gestellt

(c) Thimfilm
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„Das Hausmädchen“, ein Remake von Koreas gleichnamigem Skandalklassiker: satirischer Stillstand und schlüpfriger Ton.

Sex, Macht und Klassenunterschiede: Der explosive Cocktail, den das südkoreanische Regiegenie Kim Ki-young im Jahre 1960 in seinem Thriller Hanyo – übersetzt: Das Hausmädchen – mixte, wurde zu einem der großen Skandalerfolge des nationalen Kinos. Erzählt wird von einer gutbürgerlichen Familie, die ein verführerisches Hausmädchen engagiert: Bald wird sie vom Vater geschwängert – und wandelt sich zur Femme-fatale-Furie, die eine Orgie von Hass und Mord provoziert. Der Film gilt heute (zu Recht) als Meisterwerk, vor drei Jahren wurde er mithilfe von Martin Scorseses „World Cinema Foundation“ restauriert. Beim Erscheinen muss Regisseur Kims charakteristisch wilder Melodrama-Exzess aber ähnlich kontrovers gewirkt haben wie ein Jahr später Luis Buñuels Viridiana im Franco-Spanien: ein unerhörter Affront gegen die restriktive Gesellschaft.

Für die Neuverfilmung zeichnet nun ein anderer Provokateur des koreanischen Kinos verantwortlich: Im Sang-soo, der seinen Hang zur satirischen Subversion in Filmen wie The President's Last Bang (2005) unter Beweis gestellt hat. Darin protokollierte er Südkoreas Militärputsch von 1979 samt Präsidentenmord als überbordende Farce. Sein Remake von Das Hausmädchen ist ebenfalls eine schwarze Sozialkomödie mit uneindeutiger Stoßrichtung: Bei ihm wird das Hausmädchen zum willigen Opfer auf dem Altar der gierigen Oberschicht.

Das Original auf den Kopf zu stellen ist ein schlüssiger Ansatz, die inszenatorische Lösung des Konzepts geht aber nicht auf: Trotz sexueller Verführung (bei der vor allem die genüsslich schlüpfrige Tongestaltung auffällt) und psychologischer Thriller-Eskalation wird ein Stillstand in den Marmorhallen der ausufernden Bürgervilla inszeniert. Die gelackte Opulenz der Bilder beschwört bewusst hämisch die Ästhetik typischer Erotik-Thriller, aber Spannung entwickelt sich keine. Verstörend wirken nur die Rahmenszenen: Die Außenwelt repräsentiert eine „dokumentarische“ Eröffnung um einen Todessprung vom Hochhausdach und gaffende Passanten, am Ende setzt es surrealen Irrsinn samt einem Schluss-Tableau, dass David Lynch vor Neid erblassen lassen könnte – ein Weitwinkel-Blick in die dement lächelnden Fratzen der dekadenten Kernfamilie. hub

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2011)