Lange glaubten Ökonomen, Sparprogramme kurbeln die Wirtschaft kurzfristig an. Diese These wird nun angegriffen.
Wien. „Ausgabenkürzungen in den Haushalten werden den gegenwärtigen Aufschwung in nachhaltiges Wachstum verwandeln“, war Jean-Claude Trichet, Präsident der Europäischen Zentralbank EZB, vor einem Jahr sicher. Auch jenseits des Atlantik geben die US-Politiker der Idee vom „Gesundsparen“ eine Chance. Eine Billion US-Dollar wollen die Vereinigten Staaten in den kommenden zehn Jahren weniger ausgeben, um damit die staatliche Schuldenkrise im Zaum zu halten und gleichzeitig die stagnierende Wirtschaft anzukurbeln. Die ökonomische Theorie dahinter lautet vereinfacht: Kürzt der Staat seine Ausgaben radikal, gewinnen die Menschen wieder Vertrauen darin, dass ihre Einkommen mittelfristig steigen und investieren deswegen schon heute mehr.
Mythos Sparen?
In der Realität sieht das ein wenig anders aus, sagt nun eine Studie aus dem Haus des Internationalen Währungsfonds (IWF). In den ersten ein bis drei Jahren schaden höhere Steuern und niedrigere Staatsausgaben der Wirtschaft stark, behaupten die Autoren Jaim Guajardo, Daniel Leigh und Andrea Pescatori in ihrer Arbeit „Expansionary Austerity: New International Evidence“. 173 Konsolidierungsstrategien in 17 Industrieländern zwischen 1978 und 2009 haben die Ökonomen unter die Lupe genommen und sind dabei zu dem Schluss gekommen: Jeder Prozentpunkt, um den ein Staat seine Fiskalpolitik kürzt, kostet in den ersten zwei Jahren 0,6 Prozentpunkte Wirtschaftswachstum. Der private Konsum sackt um 0,75 Prozent ab.
Bisher lieferte das Gros der empirischen Studien den gegenteiligen Befund. So formulierten etwa die Ökonomen Alberto Alesina und Roberto Perotti in ihrer Studie „Fiscal Expansions and Fiscal Adjustments in OECD Countries“ 1995 die These, dass ein staatlicher Sparkurs, der vorwiegend auf Ausgabensenkungen basiere, zu „rapidem Wachstum“ führen könne. Sie konnten nachweisen, dass noch kein Staatshaushalt über höhere Steuern saniert werden konnte.
„Echte“ Sparpakete kosten Wachstum
Hinter dieser und ähnlichen Studien vermutet das IWF-Forschertrio methodische Schwächen: Die Methode, die bisher benutzt wurde, produziere verzerrte Ergebnisse, heißt es in der Arbeit. Denn eine Frage hätten alle Ökonomen außer Acht gelassen: Warum ein Staat ein Sparpaket geschnürt hat. Nicht immer erhöhen Regierungen Steuern und kürzen Ausgaben, um die Staatsschulden unter Kontrolle zu bringen. Oft sollen derartige Maßnahmen die Nachfrage bremsen, um eine Überhitzung der Konjunktur zu verhindern. In diesen Fällen sei es kein Wunder, dass die Ökonomen trotz strafferer Fiskalpolitik eine florierende Wirtschaft vorfanden, argumentieren die Autoren.
Für ihre Arbeit filterten sie anhand von Budgetreden oder Stabilitätsprogrammen 173 „echte“ Konsolidierungsleistungen heraus und entkräfteten in diesen Fällen den „Mythos vom Gesundsparen“. Damit schlagen sich die Autoren, nicht der IMF wohlgemerkt, der darauf hinweist, dass das Arbeitspapier nicht die offizielle Meinung der Institution darstelle, überraschend auf die Seite von John Maynard Keynes. Schon 1919 warnte der britische Ökonom die Siegermächte des ersten Weltkriegs davor, Deutschland zu hohe Reparationszahlungen aufzubürden, da das die Wirtschaft des Landes in den Kollaps treiben könne.
Auch die Realität im Jahr 2011 scheint den Autoren auf den ersten Blick Recht zu geben: Statt vertrauensvoll zu investieren, wissen Anleger an den Börsen derzeit nicht mehr, ob sie sich lieber wegen der weltweiten Staatsschuldenkrisen oder wegen des drohenden Rückfalls der Weltwirtschaft in die Rezession von ihren Aktienpaketen trennen sollen (siehe Faksimile).
Abwertung hilft
Selbst Verfechter der Gegenrichtung, wie Perotti, revidierten ihre Ansichten teilweise. In der Arbeit „The Austerity Myth: Gain Without Pain?“, brachte der Ökonom zwar Beispiele für Länder, die auch nach einer „echten“ Konsolidierung kurzfristigen Wirtschaftsaufschwung erlebt hätten. Allerdings ließen sich diese Erfolge kaum auf die Sorgenkinder der Eurozone umlegen, räumt er ein. Denn in allen Fällen ging der Aufschwung mit einer raschen Reduktion der Leitzinsen und einer starken Abwertung der Landeswährung einher, die den Export ankurbelte. Eine Währungsabwertung innerhalb der Eurozone ist nicht möglich, niedrigere Zinsen sind wegen der Sorge vor hoher Inflation umstritten.
Langfristig schaden hohe Schulden mehr
Dass aber auch ein Ende aller Sparanstrengungen keine Alternative ist, zeigt eine Arbeit aus dem Vorjahr. In ihrem Aufsatz „Growth in a Time of Debt“, untermauern der frühere IWF-Chefökonom Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart die These, dass an der Rückführung der Staatsschulden auf ein akzeptables Niveau, etwa jene 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), die die Euroländer ohnehin einhalten müssten, kein Weg vorbei führe. Ihre Analyse von staatlichen Schuldenkrisen aus den vergangenen 200 Jahren lässt folgenden Schluss zu: Steigen die Staatsschulden über 90 Prozent des BIP, wird das zu einem kaum lösbaren Problem. Allein die Zinszahlungen des Staates würden die Konjunktur langfristig bremsen. Im Schnitt hätten Länder mit einer hohen Verschuldung jedes Jahr einen Prozentpunkt an Wirtschaftswachstum eingebüßt. Ende 2010 lagen allein in der EU fünf Länder über der 90-Prozent-Latte. Nächstes Jahr wird der ganze Euroraum an der Marke kratzen, schätzt die EU-Kommission.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2011)