Lehár-Festival. Sogar 16-jährige Komponisten versuchen sich hier an der Operette – und haben Erfolg damit. Das Unterhaltungsgenre feiert an der Traun fröhliche Urständ.
Die Operette stirbt, darüber scheinen sich die Kommentatoren seit langer Zeit sicher zu sein. Das Publikum spielt dabei aber nicht mit und straft die theoretisch-philosophischen Betrachtungen über den schönsten Unsinn der Welt ebenso lang Lügen. Wo Operette gespielt wird, sind die Häuser voll. Und wo sie gut gespielt wird, verlassen selbst Skeptiker die Vorstellungen als Zweifler: Vielleicht lebt das Genre doch?
In Bad Ischl lebt es. So viel ist sicher. Denn beim Lehár-Festival sind nicht nur die Vorstellungen bestens verkauft, man vermittelt den Zuschauern auch den Eindruck, im angehenden 21.Jahrhundert könnten noch neue Operetten entstehen. Zwar ist keine neue „Fledermaus“ oder „Lustige Witwe“ in Sicht. Aber es gibt Komponisten, die sich mit der Frage befassen, wie man unter dem Siegel der Postmoderne noch anspruchsvolles Unterhaltungstheater machen könnte.
Im Vorjahr bat Festspiel-Intendant Michael Lakner den in allen stilistischen Fragen firmen Kurt Schwertsik, eine Kompositionswerkstatt zu leiten, um grundlegende Probleme des Komponierens im leichten Ton zu diskutieren.
Junge Komponisten für die Operette
Nun sind Stücke der besten Absolventen im Lehár-Theater von Bad Ischl uraufgeführt worden. Einakter von höchst unterschiedlicher Faktur sind es geworden, vom rockigen Bühnenclip (Jeremias Meinhard) über straff rhythmisierte atonale Melodik (Dariusz Przybylsky) und einen exzellenten Tangowurf des 16-jährigen Leon First bis zu einem von Kindern mitgestalteten kleinbürgerlichen Familienzwist aus der professionellen Feder Oliver Ostermanns – wobei sich niemand Geringerer als Daniela Fally für die Novität starkmachte und sich als koloraturgewandtes Töchterchen aus dem heimatlichen Hexenkessel in eine wirre, aber wohlige Traumwelt flüchtete.
Die Initialzündung zu Fallys großer Karriere hat ja in Ischl stattgefunden. Deshalb kehrt sie vermutlich ebenso gern hierher zurück, wie sich prominente Darsteller für die Operettenproduktionen binden lassen. Heuer gab etwa „Burg-Pflanze“ Ulrike Beimpold ihr Debüt als Rößl-Wirtin – und spielt die Partie mit Herz und reschem Charme, wie sich's gehört. Sie betört mit Boris Pfeifer einen Leopold, der hörbar aus dem Webberschen Musical-Imperium kommt. Aber vokale Stilsicherheit ist in Benatzkys Salzkammergut-Dauerbrenner ja seit der Berliner Uraufführung kein Thema gewesen. Da ging und geht es um Bühnengewandtheit. Und ums Tempo. Für dieses sorgen Gernot Kranners Regie und die variantenreiche Choreografie Mandy Garbrechts. Unglaublich, was man mit bescheidensten Mitteln an Formen und Farbe auf eine Bühne bringen kann.
Wenn dann Schauspieler die Pointen richtig servieren, ist unbeschwerte Unterhaltung garantiert. Über Ernst Dieter Suttheimers Giesecke und den umwerfend komischen schönen Sigismund des Christoph Wagner-Trenkwitz und sein zauberhaftes Klärchen, Caroline Vasicek, amüsiert sich das Publikum königlich. Es genießt auch die lyrischen Momente, im Rößl (Reinhard Alessandri und Romana Noack) – wie in Lehárs „Paganini“, wenn Miriam Portmann oder Vincent Schirrmacher die Puccini-Leidenschaft des Ischler Paradekomponisten nachzuvollziehen versuchen.
Regisseur Leonard Prinsloo versteht es, die notorischen Bedenken angesichts der Melodramatik des späten Lehár vergessen zu machen: Er inszeniert den Seelenwärmer bedenkenlos direkt mit allen Plattitüden, die im Text stehen. Lehárs Musik trägt das Publikum dank der Kompetenz des Festspiel-Orchesters ohne allzu viel Schmalzüberschuss durch die Handlung. Und irgendwie funktioniert das Spiel in seiner Kombination aus theatralischer Unverfrorenheit und allzu menschlichem Gefühlsüberschwang; wohl auch deshalb, weil die komödiantische Seite – trotz Lehárs Happy-End-Verbot – nicht zu kurz kommt. Eh man sich's versieht, ist man jedenfalls auch von der Lehár-Aufführung gefangen wie von gut gemachtem TV-Abendprogramm; das ist bekanntlich beinah so rar wie gut gemachte Operette. Die gibt es immer noch. Zumindest in Bad Ischl.
Kurt Schwertsiks „missratene Töchter“
Dann gibt es hier auch noch Kurt Schwertsik, diesmal nicht als Kompositionslehrer, sondern als flinken musikalischen Arrangeur von Fritz von Herzmanovsky-Orlandos aberwitziger Farce „Abduhenendas missratene Töchter“: Christa Schwertsik und ihre Töchter Katharina und Julia Stemberger sind die wortwitzigen Darstellerinnen in diesem Familienprojekt (8.August, 20 Uhr).
Und weil in Ischl selbstverständlich Jahr für Jahr ein ganz spezieller Geburtstag gefeiert wird, gibt es die „Kaisergala“ am 16.August – diesmal mit Angelika Kirchschlager, gilt es doch auch, den 50.Jahrestag der Gründung der Festspiele zu begehen.
„Paganini“ und „Im weißen Rößl“ bis 4.September. www.leharfestival.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2011)