Festspiele: Tenor Michael Schade über seine Anfänge, den letzten Schliff für Newcomer und die Tatsache, dass eine schöne Stimme nicht immer reicht.
Vor einem Jahr war der Tenor Antonio Poli nur einem kleinen Kreis echter Gesangsspezialisten ein Begriff. Heuer singt der Italiener schon in Verdis „Macbeth“ bei den Salzburger Festspielen, gibt im nächsten Jahr den „Belmonte“ in der Staatsoper unter den Linden in Berlin und ist auf dem besten Weg, international Karriere zu machen. Den letzten Schliff für den Start in ein künftiges Leben als gefragter Opernsänger hat Poli im Vorjahr beim Young Singers Project (YSP) in Salzburg erhalten. Seit 2008 gibt es diese Kaderschmiede für Gesangstalente bei den Salzburger Festspielen. Die Idee dazu hatte Kammersänger Michael Schade, der auch heuer wieder gemeinsam mit anderen bekannten Kollegen die Meisterklassen für die elf Teilnehmer des YSP in Salzburg leitet. Finanziell ermöglicht wird das Projekt von Credit Suisse.
„Ich habe als junger Sänger so viel Unterstützung bekommen, dass ich etwas davon zurückgeben möchte“, erzählt der in Wien und Kanada lebende Tenor im Gespräch mit der „Presse“. Viel gelernt habe er von Riccardo Muti und Nikolaus Harnoncourt. Singen war schon immer eine Leidenschaft des 46-Jährigen, der in der Schweiz und in Kanada aufgewachsen ist: „Ich kann mich nicht erinnern, einmal nicht gesungen zu haben.“
Doch dass er es später zu einem der führenden Mozart-Tenöre der Welt bringen würde, war nicht geplant. Schade hatte Naturwissenschaften studiert und wollte eigentlich Veterinärmediziner werden. Doch es kam anders: Im Universitätschor durfte er immer öfter Soli singen, sein Talent war nicht mehr zu überhören. Schließlich erhielt er ein Stipendium für eine Musikausbildung. „So wurde mein Hobby zum Beruf und mein Beruf zum Hobby.“
Dass der Tenor eine Weltkarriere starten konnte, verdankt er seiner Meinung nach nicht nur seiner Stimme, sondern vor allem auch der Unterstützung von erfahrenen Kollegen. Und das ist es auch, was Schade mit dem YSP bezwecken will: „Es reicht nicht aus, schön zu singen. Um Karriere zu machen, braucht es Ausdruck, Kommunikation mit dem Publikum, harte Arbeit, Bescheidenheit, Durchhaltevermögen, Glück und Mentoren, die einen unterstützen.“
Salzburg soll für die jungen Menschen so eine Chance sein. Hier bekommen die jungen Sänger praktische Tipps, lernen den Opernbetrieb kennen und dürfen gecoacht von Topstars sogar ab und zu für einen berühmten Sänger einspringen, wenn dieser krank wird. Ihr Können zeigen sie beim großen Abschlusskonzert. „In Salzburg klopft dein Schicksal an die Tür“, machte Schade dem jungen Bariton Ilya Silchukov aus Weißrussland dieser Tage Mut.
„Du kannst in Minsk an der Oper bleiben oder eine Weltkarriere machen. Du musst dich entscheiden“, gab er dem jungen Mann mit auf den Weg. Und nahm ihn in der YSP-Meisterklasse an der Hand, um ihm zu zeigen, wie ein Sänger mit dem Publikum so Kontakt aufnimmt, dass der musikalische Funke überspringt.
Ganz vorsichtig müsse man mit den Talenten umgehen, ist der Kammersänger überzeugt, der sich selbst inzwischen eine neue Aufgabe als Intendant (etwa am Theater an der Wien) vorstellen kann. Oft sei es wichtiger, die Karrieren zu bremsen, damit die jungen Menschen nicht verheizt werden und nach einem kurzen Erfolg wieder in der Versenkung verschwinden. Angst vor der Konkurrenz durch die aufgehenden Sterne am Opernhimmel hat Schade nicht. Er sieht sich gerne als eine Art Schwalbenzüchter. „Unsere jungen Talente bekommen wie Schwalben das Rüstzeug, um über die Alpen zu fliegen. Sie sollen aber auch irgendwann wieder ins Nest zurückkehren.“
Zur Person
Michael Schade (46) wuchs in der Schweiz und Kanada auf und gilt als der beste Mozart-Tenor der Gegenwart. Er engagiert sich in der Nachwuchsförderung, etwa mit dem Salzburger Young Singers Project oder dem Sängerwettbewerb Stella Maris. Schade war mit der Mezzosopranistin Norine Burgess verheiratet und hat mit ihr drei Kinder. Er lebt in Kanada und Wien.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2011)