Zu den Schuldenkrisen in Europa und den USA gesellt sich jetzt auch noch Rezessionsangst. Das ist zu viel für die Börsen: Die Aktienkurse stürzen ab, Anleger flüchten scharenweise in Gold und Schweizer Franken.
Wien/Ju. Zuerst die Schuldenkrise, dann auch noch Rezessionsängste: Das war zu viel für die Aktienmärkte. Zwar gab es am Freitag, ausgehend von den USA, kurzfristig eine kleine (durchaus erwartete) Gegenbewegung nach oben, an der verheerenden Bilanz der vergangenen Tage für die Anleger hat das aber nichts geändert: Der Welt-Leitindex Dow Jones in New York verlor in eineinhalb Wochen an die zehn Prozent (davon 4,1 Prozent allein am Donnerstag), der Wiener Leitindex ATX legte in der Zeit sogar um rund 16 Prozent ab.
Insgesamt ist damit allein der Marktwert der im MSCI World Index enthaltenen Unternehmen um 2500 Mrd. Dollar gesunken. Der MSCI World Index bildet die wichtigsten Aktien aus 23 Ländern, darunter auch Österreich, ab.
An den Index-Charts lässt sich sehr schön ablesen, was den Minicrash letztendlich ausgelöst hat: Die Börsen waren wegen der brodelnden Schuldenkrisen im Euroraum schon seit Wochen auf leichtem Sinkflug gewesen. Als aber die USA Ende Juli ihr Wirtschaftswachstum für das erste Quartal von 1,9 auf 0,4 Prozent des BIPs herunterkorrigierten, gingen die Kurse in den Sturzflug über. Denn Rezessionsgefahr war – im Gegensatz zu Schuldenturbulenzen – in den Kursen bisher noch nicht „eingepreist“.
US-Wirtschaft wächst kaum noch
Mit dem nun korrigierten Wert wächst die US-Wirtschaft in der Realität nämlich praktisch nicht mehr, denn in den USA wird das Bruttoinlandsprodukt teilweise „hedonisch“ ermittelt, was den Wert beträchtlich aufbläht. Hedonisch heißt, dass bei bestimmten Produkten Qualitätsverbesserungen, die sich nicht in den Preisen niederschlagen, „monetarisiert“ und dem Bruttoinlandsprodukt zugerechnet werden.
Wirtschaftsforscher rechnen allerdings auch in Europa mit einem deutlichen Nachlassen der Konjunktur in den nächsten Monaten. Transportunternehmen wie etwa die ÖBB merken das bereits an ihren Auftragseingängen.
Experten glauben zwar nicht, dass die Wirtschaft erneut in eine echte Rezession abrutscht. Die Börsen, die als Frühindikator gelten, beginnen aber, sich darauf einzustellen. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Kursschwäche noch ein paar Monate andauert.
Davon gehen auch internationale Experten aus. Der Chefvolkswirt des Deutschen Instituts für Weltwirtschaft, Joachim Scheide, sieht jetzt „die zweite Welle der Finanzkrise“ heranrollen. Die Schuldenkrise sei weder in den USA noch in Europa halbwegs gelöst. An den Börsen gehe deshalb die Furcht um, dass die Langfristzinsen – mit fatalen Folgen für die Weltwirtschaft – deutlich steigen könnten. „Im Moment haben wir noch keine Rezession, aber die Gefahr hat zugenommen“, sagte Scheide am Freitag. Und: „Die Märkte lassen sich jetzt nicht mehr durch schöne Worte beruhigen.“
„Rezessionsgespenst“ geht um
Österreichische Analysten sehen im „Rezessionsgespenst“ ebenfalls die Hauptursache für die jüngsten Abstürze. Stefan Lingau, Aktienexperte der „Erste Group“, glaubt, dass „möglicherweise eine Rezession vor der Tür steht“. UniCredit-Chefanalystin Monika Rosen sieht das nicht ganz so dramatisch: Der sinkende Ölpreis werde das Abrutschen in die Rezession verhindern.
Tatsächlich sind die Ölnotierungen seit Aufkommen der Rezessionsbefürchtungen stark im Sinken. Nordseeöl (Brent) kostete am Freitag nur noch rund 108 Dollar pro Barrel, US-Öl (WTI) war schon um 86 Dollar pro Barrel zu haben.
Dafür flüchten die Anleger aus Aktien scharenweise in „sichere“ Anlageklassen. Der Goldpreis klettert langsam, aber stetig von Rekord zu Rekord, am Freitag lag er mit 1658 Dollar pro Feinunze nicht weit von seinem „All-time-High“ entfernt.
Flucht in den Schweizer Franken
Ungebremst ist auch der Zustrom von Anlegergeld in die „Fluchtwährung“ Schweizer Franken. Seit mehreren Tagen interveniert die Schweizer Notenbank heftig gegen weitere Kursanstiege ihres Franken. Der Erfolg ist aus schweizerischer Sicht aber in höchstem Maße überschaubar: Am Freitag pendelte der Kurs permanent zwischen 0,9320 und 0,9160 Euro pro Franken.
Die umfassenden Interventionen haben die Schweizer Währung also nur stabilisiert, nicht jedoch wie gewünscht sinken lassen. Experten gehen davon aus, dass die Schweizer Notenbank zu schwach sein wird, um dem Druck der zufließenden Dollars und Euros zu widerstehen. Der Franken dürfte also zumindest kurzfristig noch härter werden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2011)