US-Herabstufung: Hektik vor drohendem Börsencrash

Nach US-Herabstufung: Angst vor neuen Kursstürzen
Nach US-Herabstufung: Angst vor neuen Kursstürzen(c) AP (Jin Lee)

An den Märkten im Nahen Osten wird bereits ein Kurseinbruch verzeichnet. Die Finanzminister und Notenbankchefs der G-7 haben eine Telefonkonferenz einberufen.

[Wien/ju] Die Kreditwürdigkeit der USA wird erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg herabgestuft, Italien steht vor größeren Zahlungsproblemen, dazu die weiter vor sich hinschwelenden Finanzkalamitäten der Euroländer Griechenland, Portugal, Irland und Spanien – die Finanzwelt brennt an vielen Ecken und Enden.
Entsprechend hektisch ging es am Sonntag zu: In zahlreichen Telefonkonferenzen suchten unter anderem die Regierungschefs der sieben größten Industrieländer (G7), der Eurozone und die Notenbankgouverneure der Euroländer nach Kalmierungsrezepten, die noch vor der Eröffnung der asiatischen Börsen am Montag verkündet werden könnten.

Denn in Europa und den USA ging am Wochenende die Furcht um, die Rückstufung der US-Kreditwürdigkeit von AAA auf AA+ durch die Ratingagentur Standard & Poor's könnte den Finanzmarktteilnehmern das letzte Quäntchen Vertrauen genommen haben – und einen weiteren Kurssturz an den ohnehin schon niedergeprügelten Weltbörsen auslösen.

Kursrutsch droht

Ganz ohne Grund waren die Befürchtungen nicht: Die am Sonntag geöffneten arabischen und israelischen Aktienmärkte meldeten teils wilde Kursabstürze, der israelische Aktienindex ging um rund sieben Prozent zurück.

Richtig spannend wird es aber erst Montagnachmittag mitteleuropäischer Zeit, wenn die US-Börsen öffnen. Die Prognosen internationaler Experten reichten dabei von „Kursabsturz“ bis zu „wenig Bewegung“. Wobei die Optimisten ihre Zuversicht daraus schöpfen, dass die bevorstehende Rückstufung der USA im späten Freitaghandel als starkes Marktgerücht schon präsent war, die Aktienkurse aber relativ stabil blieben.
Die unmittelbaren Auswirkungen der Bonitätsverschlechterung der USA wurden am Wochenende jedenfalls als eher gering eingeschätzt: Die Zinsen für die Staatsschuld dürfen, wenn überhaupt, nur leicht steigen, solange die beiden anderen großen Ratingagenturen die Vereinigten Staaten noch auf der höchsten Bonitätsstufe halten. Gerechnet wird mit leichten Kreditverteuerungen in den USA, was die am Rande der Rezession stehende US-Konjunktur weiter schwächen könnte.

China wird zunehmend nervös

Aber niemand rechnet damit, dass die weltgrößte Wirtschaftsmacht in absehbarer Zeit ihre Schulden nicht mehr bedienen kann. Trotzdem beginnt der größte ausländische Geldgeber der USA, China, nervös zu werden: Peking schickte den Volkswirt Sun Lijan mit der Befürchtung vor, die „größten Opfer“ der US-Schuldenpolitik würden nicht die Amerikaner selbst, sondern die Chinesen sein. China hält fast zwei Billionen Dollar, mehr als die Hälfte davon in Form von US-Staatsanleihen. Zudem ist die chinesische Wirtschaft stark von der US-Konjunktur abhängig.
Unmittelbar wiegt freilich der Vertrauensverlust an den Finanzmärkten am schwersten. Die Börsen haben bereits am Mittwoch und am Donnerstag vergangener Woche schwere Kursstürze erlitten – und könnten jetzt erneut einbrechen.

Dazu trägt aber die sich zuspitzende Lage im hoch verschuldeten Italien noch stärker bei als die schwächer gewordene US-Bonität: Während US-Anleihen in der Finanzbranche weiter als „die sichersten der Welt“ gelten, sinkt das Vertrauen in die Fähigkeit Italiens, seine Schulden bedienen zu können, rapide. Die Renditen italienischer Staatsanleihen sind wegen hoher Risikoaufschläge zuletzt auf über sechs Prozent gestiegen. Wirtschaftsexperten hatten davor gewarnt, dass das hoch verschuldete Euromitglied so hohe Zinsen für die Refinanzierung seiner Schulden nicht lange tragen werde könne.

EZB will Italien-Anleihen kaufen

Italien will sein beschlossenes Sanierungsprogramm nun schneller durchziehen, was den Finanzmärkten aber nicht reichen dürfte. Die Europäische Zentralbank könnte deshalb schon heute, Montag, damit beginnen, italienische Staatsanleihen aufzukaufen (und so Italien direkt zu finanzieren). Sonntagnachmittag war diese Maßnahme aber noch heftig umstritten: Besonders Deutschland legte sich quer.

Die deutsche Regierung, die „Hauptzahler“ einer „Rettung“ Italiens wäre, beginnt, sich große Sorgen über den Zustand der drittgrößten Volkswirtschaft der Eurozone zu machen: Nach Informationen des deutschen Magazins „Der Spiegel“ hält Berlin Italien für zu groß, um unter den Euro-Rettungsschirm schlüpfen zu können. Selbst wenn der Rettungsschirm verdreifacht würde, könnte Italien damit nicht aufgefangen werden, hieß es. Der Schirm sei für kleine und mittlere Länder geschaffen, Italien müsse durch Einsparungen und Reformen selbst aus der Krise finden.

Verheerende Folgen für Eurozone

Eine Zahlungsunfähigkeit Italiens hätte verheerende Folgen nicht nur für die Eurozone, sondern für die globale Finanzwirtschaft: Italien ist mit annähernd 2000 Milliarden Euro verschuldet, was 120 Prozent der Wirtschaftsleistung entspricht. Damit ist das Land einer der größten Staatsanleihenmärkte der Welt. Ein auch nur teilweiser Ausfall dieses Marktes würde die globalen Finanzmärkte in eine schwere Krise stürzen.
Die Ankündigung eines forcierten Sparkurses durch den italienischen Staatschefs Silvio Berlusconi stößt unterdessen in Italien selbst auf Widerstand. Die größte Gewerkschaft des Landes, CGIL, kündigte am Wochenende Gegenwehr gegen zu scharfes Sparen an.
Die Notenbanken wollen offenbar nicht nur in Europa massiv stützend in das Geschehen eingreifen. Auch die US-Notenbank Fed überlegt, ihr stark zurückgefahrenes Anleihenankaufsprogramm wieder hochzufahren. Mit dem Ankauf von Anleihen pumpen die Notenbanken Liquidität in die Märkte. Damit war in der Finanzkrise 2008 der Finanzkollaps vermieden worden.

Einige Finanzexperten meinten, dass eine ähnliche Situation durch die Rückstufung der USA wieder entstehen könnte: Banken könnten sich gezwungen sehen, höhere Sicherheiten für Kredite zu verlangen – was den Interbankenhandel wieder ins Stocken bringen könnte.