Pappano: Der Maestro bringt die Italianità nach Rom

Pappano Maestro bringt Italianit
Pappano Maestro bringt Italianit(c) AP (Ann Heisenfelt)
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Antonio Pappano, Musikchef von Covent Garden London, dirigiert am Montag ein Festspielkonzert mit Anna Netrebko – und bringt dazu seine Accademia di Santa Cecilia aus Rom erstmals nach Salzburg.

Er wird demnächst eine größere Rolle bei den Salzburger Festspielen zu spielen haben. Der designierte Intendant, Alexander Pereira, hat ihn angeblich für eine Neuproduktion von Verdis „Don Carlos“ verpflichtet. Damit wird Antonio Pappano, einer der führenden Operndirigenten unserer Zeit, erstmals eine Festspiel-Einstudierung in Salzburg machen. Heuer kommt er als Konzertdirigent ins Große Festspielhaus: Er dirigiert heute, Montag, und morgen ein Programm mit Joseph Haydns letzter „Londoner“ Symphonie und dem „Stabat mater“ von Gioachino Rossini – mit einem von Anna Netrebko angeführten Solisten-Quartett, dem Chor und dem Orchester der Accademia di Santa Cecilia aus Rom.

Es ist das erste Gastspiel dieses Ensembles bei den Festspielen. Und das ist Pappanos Aufbauarbeit zu verdanken. Denn die Accademia galt außerhalb Italiens keineswegs als Spitzen-Klangkörper. Doch der Einsatz des Chefdirigenten – Pappano hält den Posten seit 2005 – hat, da sind sich die Kommentatoren einig, wahre Wunder gewirkt.

Pappano selbst kommentiert das im Gespräch geradezu liebevoll beschwichtigend: „Ich habe vom ersten Konzert an wunderbare Erfahrungen mit der Accademia gemacht. Schon bei meinem ersten Gastspiel, das ist viele Jahre her, gab es ein unglaubliches, ein grundlegendes Verständnis, eigentlich vom ersten Ton an.“ Die Chemie zwischen Maestro und Musikern habe sofort gestimmt, würde man heute gemeinhin wohl schreiben.

Dem Orchester „mental“ Aufwind gegeben

Für den Dirigenten waren die Konzerte in Rom so etwas wie eine Erlösung. „Ich war“, erinnert er sich, „in dieser Zeit ein wenig unglücklich, weil es so viel Oper in meinem Leben gab und ich sehr gern auch das Konzertrepertoire pflegen möchte.“ Die Accademia suchte damals einen neuen Chefdirigenten. Da lag es nahe, dass man dem Debütanten, der da so exzellent reüssiert hatte, die Chance geben würde. Pappano griff zu. „Mein Debüt fand damals ja in einem anderen Saal statt, der zwar berühmt war, aber, offen gestanden, akustisch nicht gut. Mittlerweile sind wir in einen neuen Komplex übersiedelt – ein von Renzo Piano gebautes Haus mit drei Sälen; das hat, man darf das ruhig so sagen, dem Orchester auch mental Aufwind gegeben.“ Pappano war seit dem ersten Konzert fasziniert „von dem Potenzial, das in diesem Ensemble steckt. Ich wusste von Anfang an: Wir müssen dieses Potenzial wecken, ihm ein Ziel, einen Fokus geben.“

Jüngst berichtete ein amüsierter Londoner Kritiker, der Zaungast einer Probe zur konzertanten Aufführung von Rossinis „Wilhelm Tell“ in der Royal Albert Hall war, wie Pappano in einem bestimmten Moment zu den Musikern sagte: „Hey, das ist italienische Musik!“ Eine Stilfrage, die er selbst sehr ernst nimmt: „Ja“, sagt er, auf diesen Ausruf angesprochen, „man muss auch die Italianità stärken, eine der Stärken der Musiker aus Rom, das ist ja keine Frage.“ Manchmal heißt Dirigieren vielleicht auch, einem Orchester Mut zum eigenen Stil zu machen.

In Italien zu arbeiten, das weiß der italienischstämmige, in England geborene Dirigent, „war und ist immer problematisch, finanziell und politisch. Das ist eine Binsenweisheit, aber wir haben in Rom ein gutes Team und wir haben hart gearbeitet. Das hat sich gelohnt.“ Gearbeitet hat Pappano auch „mit dem Publikum“, wie er sagt, „das sich bei uns zu Hause fühlen muss, das sagen muss: Die Accademia ist unser Orchester. Wir spielen sehr bunte Programme. Wenn es neue Stücke gibt, Stücke, die vielleicht schwer zu hören sind, dann erkläre ich diese Werke vor der Aufführung anhand von Beispielen. Das bringt durchaus eine spürbare Öffnung. Dinge, die schwer zu hören sind, sind ja auch für uns, für die Musiker, schwer.“

„Freude, zwischen Oper und Konzert“

Wie man den Orchester-Klang entwickelt, weiß Pappano genau: „Alle zwei, drei Jahre spielen wir auch Oper in Rom. Ich glaube, das ist für die Musiker deshalb wichtig, weil sie beim Begleiten der Sänger an Flexibilität gewinnen und das Zuhören während des Musizierens trainieren.“ Freilich steht in Rom die Arbeit am symphonischen Repertoire im Zentrum: „Mit der Accademia habe ich jetzt die rechte Balance in mein Leben gebracht. Das macht mir viel Freude, mich zwischen Oper und Konzert aufzuteilen.“ Bis zum Amtsantritt in Rom war Pappano beinahe ganz auf die Oper fixiert. „Ich habe zwar als Gastdirigent bei den großen amerikanischen Orchestern gearbeitet, aber ich konnte nie so viel Energie ins Symphonische investieren, wie ich das gern gehabt hätte.“

Als Opernchef in London, wo Pappano seit einem Jahrzehnt im Covent Garden regiert, hat der Maestro sich einem breiten Repertoire verschrieben – „es gibt nicht viel, was ich noch nicht dirigiert habe“, sagt er. „In nächster Zukunft möchte ich nach viel deutschem Repertoire wieder verstärkt Italienisches dirigieren, aber auch zum Beispiel die ,Trojaner‘ von Berlioz, die wir in London herausbringen und 2014 an die Mailänder Scala exportieren werden.“ Womit Pappano erstmals Oper am wichtigsten italienischen Haus dirigieren wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2011)

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