Eine Unglücksserie in den Bergwerken mit 37 Toten sorgt für schlechte Stimmung. Doch Präsident Janukowitsch will die Industrie fördern. Die Kumpel sind seine treuen Wähler.
D.D. 420 Meter unter der Erdoberfläche bleibt von den Farben des Tages nur noch eine übrig: Schwarz.Auf die schweißnassen Gesichter der Bergmänner hat sich Kohlestaub geklebt. Nur das Weiß der Augen und das Zahngold blitzen im Schein der Stirnlampe. Auf Kilometer 173 des Schachtes „Komsomolets Donbassa“ lässt ein Kumpel die Bohrmaschine in eine Kohleschicht fräsen. Hier liegen sie verborgen, die Vergangenheit und die Zukunft der Ostukraine, eingeschweißt in Gesteinsschichten.
Der Donbass ist die Kohlegrube des Landes. Von den 4,6 Millionen Einwohnern der Region Donezk arbeiten 400.000 in der Kohle- und Stahlindustrie. Ein Viertel des ukrainischen Bruttosozialprodukts erwirtschaftet die Stahlindustrie. Die meisten Ortschaften wurden nur deshalb gegründet, weil es unterhalb der zweistöckigen Arbeiterhäuser Kohle zu holen gibt. Junge Männer haben die Wahl zwischen einer Laufbahn als Polizist, Stahlarbeiter oder Bergmann. „Das ist der Donbass, hier gibt es nichts anderes“, sagt ein 32-jähriger Lüftungstechniker im Schacht. Sein Gesicht ist ebenso schwarz wie das der Arbeiter, dem Kohlestaub sind Universitätsdiplome egal. Der Verdienst eines „Schachtjor“ ist vergleichsweise hoch, mit umgerechnet 500 bis 1500 Euro liegt er weit über dem ukrainischen Durchschnitt, und die Zeit bis zur Pensionierung ist kurz: Nach 15 Jahren im Beruf kann man schon in Rente gehen.
Der Donbass ist auch die politische Heimat des jetzigen Präsidenten der Ukraine, Viktor Janukowitsch. Er hat sich die Verteidigung der Bergarbeiter, seiner treuesten Wähler, auf die Fahnen geschrieben. Die maroden staatlichen Minen werden nicht länger verkauft, sondern verpachtet. Noch als Oppositionschef hat er sich für das „Gesetz über das Prestige der Bergarbeit“ starkgemacht, das den Kumpeln höhere Löhne garantiert. Der Bergbau in der Region, so verspricht er, soll noch eine lange Zukunft haben.
Verheerende Methanexplosion
Doch manchmal geschieht ein Unglück, wie am 29. Juli. 37 Kumpel starben in zwei Minen: In der Mine „Suhodol-Ost“ kam es zu einer Methanexplosion; ein paar Stunden später stürzte anderswo ein Förderkorb 70 Meter in die Tiefe. Ein paar Tage später wurden bei einer abermaligen Explosion in einer Mine 26 Arbeiter verletzt.
Für die Bergbauindustrie sind das unangenehme Vorfälle, weil sie an das erinnern, was man in der Kiewer Zentrale von DTEK, dem Eigentümer von „Komsomolets Donbassa“, dem Gast aus dem Westen ausreden will: dass die ukrainische Bergbauindustrie, staatlich oder privat, ein gefährliches Business ist. Präsident Janukowitsch erschien umgehend am Unglücksort, ordnete einen Trauertag und Überprüfungen an.
Die Firma Krasnodonugol, wie DTEK zum Imperium des Oligarchen und Janukowitsch-Förderers Rinat Achmetow gehörend, bot den Hinterbliebenen der Opfer eine stattliche Entschädigung von umgerechnet 87.000 Euro pro Person an – ein Lebensgehalt eines Bergmannes.
Für die Herren des Donbass ist die Kohle dennoch ein Rohstoff der Zukunft. „Man kann gegen jede Art von Energiegewinnung etwas vorbringen“, wischt Alexander Tolkatsch, DTEK-Manager, Einwände von Luftverschmutzung oder mangelnder Energieeffizienz weg. 50.000 Mitarbeiter zählt der Konzern, dem Schächte, kohleverarbeitende Betriebe, Wärmekraftwerke gehören. DTEK liefert auch Energie an Haushalte. Von den Überschüssen finanziert man Spielplätze und Spitäler. DTEK ist ein Energieriese, eine Regionalmacht, deren Einfluss bis nach Kiew reicht.
Roman Wodopschin ist gerade 35Jahre alt und schon Vizechef von „Komsomolets Donbassa“. Dass die Vorräte unter seinen Füßen im Jahr 2067 aufgebraucht sein sollen, beunruhigt ihn nicht. „Das ist noch lang hin.“ Und bis dahin gebe es neue Technologien. Vier Mio. Tonnen Kohle hat man 2010 abgebaut. Der Umsatz? „Betriebsgeheimnis“, entgegnet Wodopschin. „Aber seien Sie gewiss, das Geschäft läuft sehr gut.“
Im Donbass türmen sich unzählige „Terikony“, pyramidenförmige Hügel mit den Gesteinsresten der Schächte; sie schimmern grau-rosa zwischen Sonnenblumenfeldern. Über die Verwertung der giftigen Rückstände hat man sich bisher keine Gedanken gemacht. Wozu auch? Unter der Erde gibt es noch genug zu holen.
Lexikon
Im ostukrainischen Donbass (Donezbecken) liegen die größten Eisenerzvorkommen der Ukraine. Die Wirtschaft des Landes fußt in hohem Maße auf der Kohle- und Stahlindustrie. Im Donez-Gebiet werden jährlich 200 Mio. Tonnen Kohle und über 50 Mio. Tonnen Stahl erzeugt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2011)