Mozart, die Quote und der Tanz auf den Kultur-Ruinen

Festspiel-Halbzeit. Fremdenverkehrsexperten beginnen zu rechnen: Wie hoch wären die Einnahmen ohne Kunst bei diesem Wetter gewesen?

Halbzeit im Festspielreigen. Die arme Geigerin, die während der Abschlussvorstellung der Festspiele von Erl von einem umstürzenden Dekorationsteil getroffen wurde, konnte schon wieder in häusliche Pflege entlassen werden. Einstweilen verzeichnet Festspielchef Gustav Kuhn Rekordeinnahmen. Nicht unähnlich die Nachrichten aus Klosterneuburg, wo Mozarts „Figaro“ dem Festival 10.500 Besucher beschert hat.

Auch München jubiliert: Die Opernfestspiele waren heuer zu beinahe 100 Prozent ausgelastet: 82.000 Zuschauer, dazu 9000 im von Coop Himmelblau entworfenen Zelt auf dem Marstallplatz beim bunten Off-Programm mit zwei Uraufführungen.

Musiktheater ist mehr als je zuvor ein Fremdenverkehrsfaktor von eminenter Bedeutung. Gleichzeitig droht der ganz normale Opernbetrieb während der Saison an vielen Spielorten zu kippen. In Deutschland wurden etwa das Stadttheater in Schleswig und das Volkstheater Rostock wegen Baufälligkeit gesperrt. Das Theater Augsburg benötigt laut Deutscher Orchestervereinigung mindestens 90Millionen Euro für die Sanierung.

Wenn die Infrastruktur wegbricht, nützt es wenig, dass Bühnen wie die Berliner Lindenoper saniert und hie und da sogar neue Spielstätten gebaut werden. Vor allem dann nicht, wenn diese nie fertig werden – wie die schon legendenumwobene Elb-Philharmonie in Hamburg. Das Luxusgebäude in der Hafen-City kann laut jüngsten Meldungen erst 2014 eröffnet werden. Die Baukosten erreichen längst ein vielfaches des Voranschlags. Derzeit wird in Hamburg sogar diskutiert, ob die Baugesellschaft wegen der fortwährenden Verzögerungen zu einer Vertragsstrafe von 38 Millionen Euro verdonnert werden kann.

Auch in den USA ist auf dem Kultursektor nicht alles eitel Wonne. Die Metropolitan Opera konnte zwar in letzter Minute noch eine Einigung im Streit mit der Musikergewerkschaft erzielen. Parallel dazu konnten die Musiker der Los Angeles Opera einen neuen Arbeitsvertrag aushandeln. Lohnerhöhungen werden von Einsparungen nicht zuletzt im Gesundheitssystem kompensiert.

Die New York City Opera, seit langem in der Krise, erholt sich derweilen nicht. Nach dem Musikdirektor George Manahan verliert nun auch der von Gerard Mortier engagierte musikalische Administrator, Kevin Murphy, seinen Posten und wechselt an die Indiana University School of Music. Seit die City Opera beschlossen hat, ihr Domizil nächst der Met zu verlassen, haben sich auch etliche Mitglieder des Führungsgremiums verabschiedet. Die Zukunft der New Yorker „Volksoper“ scheint ungewiss.

Da kann man hierzulande von Glück sagen, dass die Erfolgszahlen unserer Bühnen Kritik an den hohen Kosten verstummen lassen. Wenn auch mehrheitlich nur wegen der notorisch enormen Umwegrentabilität!

E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2011)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.