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Georg Kreisler rechnet mit einer Revolution

Georg Kreisler rechnet einer
Kreisler(c) EPA (DANIEL KARMANN)

Der große alte Liedermacher diskutierte bei den Salzburger Festspielen über die "Radikalität des Alters".

„Verweile doch, du bist so schön“, sagt der alte Faust endlich, in Anführungszeichen zwar, aber es nützt nichts: Das Spiel ist aus, die Lemuren fassen ihn. „Die Zeit wird Herr: Der Greis liegt hier im Sand!“, kommentiert Mephisto trocken. Er, der Teufel, war schon immer alt...

Ob dies nicht ein Geschenk des Alters sei, dass man „Verweile doch, du bist so schön“ sagen könne, fragte Thomas Ober-ender, Schauspieldirektor der Festspiele. „Nein“, antwortete Georg Kreisler: „Ich will immer mehr.“ Er werde nicht konservativer im Alter, vielmehr angriffslustiger, revolutionärer. Er rechne jederzeit mit einer Revolution in Deutschland und Österreich. „Wir leben in einer prärevolutionären Zeit.“ Kein Politiker traue sich, die Steuern der Reichen zu erhöhen. Das könne nicht lange so weiter gehen. „Ich glaube, dass wir auf einem Pulverfass sitzen.“

In der Verachtung des Kapitalismus war sich Kreisler mit seiner Mitdiskutantin, der Schauspielerin Patrycia Ziolkowska (die im „Faust“ auf der Pernerinsel u.a. das Gretchen gibt), genauso einig wie mit Moderator Oberender. Es herrsche Freiheit des Marktes, aber kaum Freiheit des Einzelnen, meinte er, ein Lied Kreislers („Meine Freiheit, deine Freiheit“) kommentierend.

 

Der Staat, „das größte Übel“

Kreisler hat dieses Lied – wie die anderen, die an diesem Abend vorgestellt wurden – vor circa 30 Jahren geschrieben, als er, heute 89, also durchaus noch nicht alt war. Seine „vorletzten Lieder“ (wie er ein Album nannte) sind freilich nur in zweiter Linie kapitalismuskritisch, der erklärte Gegner in ihnen ist meist der Staat, „das größte Übel“, wie es in „Wir sind alle Terroristen“ heißt. So kann er sich bis heute nicht recht entscheiden, ob es ihm lieber ist, dass Kunst von Profitinteressen bestimmt oder dass sie staatlich subventioniert wird. „In Europa ist es anders als in Amerika, aber auch nicht besser“, urteilt er. Und konstatiert: „Es gibt kein revolutionäres Theater mehr.“

Auffällig, dass ihm hier weder Oberender noch Ziolkowska – die z.B. in Jelineks „Die Kontrakte des Kaufmanns“ mitgewirkt hat – widersprach. So bleiben von diesem Abend einige bittere Pointen und virtuose Lieder Kreislers (etwa das sentenziöse „Warum“ oder das unfassbare „Unheilbar gesund“) und seine Conclusio: Man sei immer unzufrieden. Unzufriedenheit mache glücklich. Das Besondere am Alter sei nur, dass die Zukunft wegfällt. Es macht, könnte man hinzufügen, radikal sorglos. tk

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2011)