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Die neue Krise kommt von oben

neue Krise kommt oben
(c) Dapd (Lukas Barth)
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Seit Lehman hat sich alles gedreht: Die privaten Haushalte sind entschuldet, die Firmen sitzen auf Bergen von Geld - und die Staaten sind nicht Retter, sondern das Problem. Eine Analyse.

Wien. Ewald Nowotny macht sich Sorgen. Der Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank sieht schon „gewisse Parallelen“ der Staatsschuldenkrise mit den Folgen der Lehman-Pleite 2008. Die Banken, beobachtet Nowotny, werden bei der Kreditvergabe vorsichtiger und parken ihr Geld in Frankfurt, statt es untereinander zu verleihen: „Das ist kein gutes Zeichen“, orakelte das EZB-Ratsmitglied im ORF-Mittagsjournal düster. Mit ihm fürchtet sich alle Welt vor einer Neuauflage der Finanzkrise vor drei Jahren.

Aber auch wenn sich die Vorahnungen bestätigen: Täter und Opfer haben die Plätze getauscht. Die „alte“ Krise ging von den kleinsten Elementen des Wirtschaftslebens aus: amerikanische Familien, die sich durch Hypothekarkredite hoch verschuldet hatten. Dieses Kernproblem hat sich mittlerweile deutlich entschärft: Die Schuldenlast der privaten US-Haushalte sank in fünf Quartalen von 14,5 auf 13,9 Billionen Dollar; das ist der längste und stärkste private Schuldenabbau seit dem Zweiten Weltkrieg. „Nur“ noch knapp zwölf Prozent ihres verfügbaren Einkommens zahlen die Amerikaner für die Bedienung ihrer Schulden – fast schon ein nachhaltiges Niveau und der niedrigste Wert seit 1998. Parallel dazu hat sich die US-Sparquote auf einem soliden Wert von fünf Prozent eingependelt; die Bonität der Verbraucher ist deutlich gestiegen.

 

Der blockierte Boom

Und die Banken, die das Problem mit ihren strukturierten Schrottpapieren massiv verschärft und in die Welt hinausgetragen haben? Sie sind heute weltweit durch die Regulierer gezwungen, ihr Eigenkapital zu stärken. Entsprechend gedämpft ist weiterhin ihr Appetit auf Risiko und hohe Schuldenhebel.

Schließlich alle übrigen Unternehmen: Sie standen vor Ausbruch der „alten“ Krise konjunkturbedingt gut da. Aber sie hatten verdächtig hohe Bewertungen, litten bis zuletzt unter hohen Rohstoffpreisen und waren auf den Schock kaum vorbereitet. Anders heute: Die Gewinn der 500 größten US-Unternehmen im S&P-Index ist in der aktuellen Berichtssaison um 18 Prozent gestiegen. Durch die Börsenturbulenzen ist ihr Kurs-Gewinn-Verhältnis auf 13 gesunken.

Und wäre da nicht die Gefahr einer Eskalation der Staatsschuldenkrise, könnten die Voraussetzungen kaum besser sein: Der Ölpreis ist auf 100 Dollar gefallen, die Lieferengpässe nach der Naturkatastrophe in Japan sind behoben, die Inflation in den USA und Europa liegt trotz aufgeblähter Zentralbankbilanzen (noch) auf relativ niedrigem Niveau. Und die bis dato boomenden Schwellenländer könnten ein nicht versiegender Quell für Wachstum sein, zumal für stark exportorientierte Länder wie Deutschland und Österreich.

 

Historisch hohe Cashbestände

Nur beim Investieren und beim Einstellen von Mitarbeitern halten sich die Firmen zurück – weil sie dem Frieden nicht trauen. Das führt zu stark wachsenden Barbeständen. 963 Mrd. Dollar haben die Konzerne im S&P 500 (ohne Finanzinstitute) auf der hohen Kante. Das ist um 58Prozent mehr als Ende 2007 und der bisher höchste Wert in der US-Wirtschaftsgeschichte. Weil ihr (nie bedrohlicher) Schuldenstand stabil bleibt, hätten die Firmen eine volle Kriegskasse, um zu expandieren oder höhere Dividenden auszuschütten. Da sie das nicht tun, sind sie zumindest für den Sturm sehr gut gerüstet. Das gilt ebenso für deutsche und österreichische Unternehmen: Auch sie horten ungewöhnlich hohe Cashbestände.

Der Krach kommt also, wenn er denn kommt, von oben. Wenn die öffentliche Hand in ernsthafte Zahlungsprobleme schlittert und die Steuerzahler fürchten, dass sie dafür geradestehen müssen, verweigern sie den Konsum wie die Firmen das Investieren. So wird die Rezessionsangst zur selbst erfüllenden Prophezeiung – auch ohne Finanzkrise als Ursache.

Der Teufel, den Nowotny an die Wand malt, könnte auch parallel dazu sein Unwesen treiben: wenn italienische Bonds in den Bilanzen, die kein Rettungsschirm mehr garantieren kann, zwischen den Banken ähnliches Misstrauen schüren wie 2007 die Subprime-Papiere. Das wäre dann tatsächlich „Lehman 2.0“ – nicht in den Ursachen, aber doch in der Wirkung.

(c) Die Presse / JO

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2011)