Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

"Krieg" vor der Haustür schockt Großbritannien

Krieg Haustuer schockt Grossbritannien
Fireman(c) AP
  • Drucken

In London versucht man, die Gewaltexzesse in den Straßen zu verstehen. Perspektivlosigkeit der Jugendlichen greift als Erklärung zu kurz.

Ein ganzer Straßenzug in Südlondon in Flammen. Eine Frau, die aus dem ersten Stock eines lichterloh brennenden Hauses springt. Ein Polizist, der von jugendlichen Randalierern in seinem Streifenwagen attackiert wird und sich nur durch den Tritt auf das Gaspedal retten kann.

Die Gewalt in Großbritannien ist auch in der dritten Nacht in Folge weiter eskaliert – und hat ihr erstes Todesopfer gefordert: Ein 26-jähriger Mann, der am Montagabend in Croydon in seinem Auto angeschossen worden war, starb.

Die Briten versuchten am Tag vier nach Beginn der Unruhen das ganze Ausmaß zu erfassen: Ladenbesitzer Sivaharan Kandiah etwa musste am Montagabend hilflos live im Fernsehen verfolgen, wie zum Teil vermummte Menschen seinen kleinen Lebensmittelladen auf der Clarence Street in Hackney aufbrachen und plünderten. Zurück ließen sie nur Trümmer, ein paar Pornohefte – und eine zerstörte Existenz. „Ich hab versucht, die Polizei und die Feuerwehr zu holen, aber es kam einfach niemand“, sagt der 39-Jährige am Tag danach fassungslos. „Wo sind sie gewesen?“

Doch noch quälender ist die Frage, warum die Gewalt derart eskaliert, warum vor allem Jugendliche und sogar Kinder Steine und Brandsätze werfen und dann Geschäfte plündern. Die Ausschreitungen haben am Samstagabend nach einer zunächst friedlichen Mahnwache für den vierfachen Familienvater und mutmaßlichen Drogendealer Mark Duggan begonnen. Er ist am Donnerstag unter noch ungeklärten Umständen von der Polizei erschossen worden.

„Mich wundert das gar nicht, das musste doch passieren“, sagt ein Mann im grauen Trainingsanzug, der sich Frank nennt. „Die Polizei hat das selbst provoziert, so wie sie uns hier behandelt. Ich bin nicht vorbestraft, nur ein einfacher schwarzer Mann. Aber ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie oft ich schon grundlos von der Polizei angehalten und durchsucht wurde.“ Und auch für die Plünderungen hat Frank eine Erklärung: „In dieser Welt geht es nur um das Materielle. Alle wollen alles haben. Und diese Kinder, die selbst sehen, dass sie ganz unten auf der sozialen Leiter stehen, die nutzen eben die Gelegenheit, sich mal zu bedienen.“

 

(c) Die Presse / HR

„Kein Respekt vor niemandem“

Während Soziologen und Psychologen in Talkshows vor allem Perspektivlosigkeit (in einigen Vierteln liegt die Jugendarbeitslosigkeit noch über dem Landesdurchschnitt von 20 Prozent) und mangelnde Freizeitbeschäftigungen (allein in Tottenham, wo die Randale begonnen hat, wurden während der letzten Sparrunde acht von 13 Jugendklubs geschlossen) verantwortlich machen, hat die 42-jährige Debra eine schlichtere Erklärung: „Die Kinder heute haben einfachen keinen Respekt – vor nichts und niemandem. Sie lernen nicht mehr, sich zu benehmen.“ Für Debra ist diese Verrohung der Sitten auch Ausdruck fehlgeschlagener liberaler Politik: „Als ich Kind war, bekam man vom Lehrer eins hinter die Ohren, wenn man nicht brav war. Heute lernen die Kinder nur, dass es keine Autorität gibt.“

Und auch die Gefahr, im Gefängnis zu landen, schrecke diese Jugendlichen nicht, meint der Amtsrichter Tom Mautner aus Nordlondon: „Die jugendlichen Kriminellen, mit denen wir hier zu tun haben, lassen sich nicht von einer Haftstrafe beeindrucken. Im Gegenteil. Für viele ist eine ordentliche Gefängnisstrafe so etwas wie ein Ehrenabzeichen. Dann sind sie für ihre Kumpel erst richtige Gangster.“

 

Auf einen Blick

Die Krawalle in Großbritannien haben sich in der Nacht auf Dienstag und im Verlauf des Tages auf weitere Gebiete ausgeweitet. In London kamen neben den bisherigen Brennpunkten wie Tottenham und Brixton Stadtteile wie Croydon, Lewisham, Camden und die Nobelgegend Notting Hill dazu. Plünderungen, Brandschatzungen und Zusammenstöße mit der Polizei gab es auch in Städten wie Birmingham, Bristol, Nottingham und Liverpool.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2011)