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Als Gorbatschows Datscha zum Gefängnis wurde

Gorbatschows Datscha Gefaengnis wurde
Gorbatschow(c) AP (Michael Clevenger)
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Augustputsch 1991: Die konservativen Hardliner wollten den Unionspräsidenten ausschalten und mit aller Macht die "alte" Sowjetunion bewahren. Sie erreichten damit genau das Gegenteil: den Zerfall des Riesenreichs.

Entlang der kurvenreichen Küstenstraße an der Südküste der Krim, etwa auf halber Länge zwischen zwischen dem mondänen Jalta und dem Stützpunkt der russischen Schwarzmeerflotte in Sewastopol, liegt der kleine Ort Foros. Urlauber kommen hierher, um auszuspannen, spazieren zu gehen, zu baden und tief durchzuatmen. In den Augusttagen des Jahres 1991 hatte Foros einen prominenten, aber unfreiwilligen Badegast: Michail Gorbatschow.

Während Sicherheitskräfte die Einfahrt zur Datscha des Unionspräsidenten blockierten, schritt in Moskau die sogenannte „Achter-Bande“ zur Tat: Die hohen Funktionäre – Gorbatschows Vizepräsident Janajew, der sowjetische Premier Pawlow, Verteidigungsminister Jasow, der Innenminister der Union, Pugo, und vier weitere– probten den Aufstand gegen den Mann, der ihrer Meinung nach die Sowjetunion mit seiner Perestroika „in eine Sackgasse“ geführt und das Land „in tödliche Gefahr“ gebracht habe. Gorbatschow sei erkrankt, vermeldete die Nachrichtenagentur Tass in den frühen Morgenstunden des 19.August.

 

„Sackgasse“ Perestroika

Auch heute bringen einen Taxifahrer noch gern zum früheren Anwesen des Sowjetchefs, das heute im Besitz der unabhängigen Ukraine ist. Wer genau hinsieht, erkennt das Anwesen auch von der Küstenstraße aus: zwei rote, pyramidenförmige Blechdächer in einem grünen Nadelwald, mit einem zum Strand hinabführenden Sicherheitstunnel, ein Anwesen von mehr als 50Hektar. In den drei langen Tagen des 19., 20. und 21.August 1991 wurde Gorbatschow das schmucke Feriendomizil zum Zwangsidyll.

Am 20.August sollte eigentlich der neue Unionsvertrag gezeichnet werden – mit Mühe hatte Gorbatschow acht (statt vorher 15) Republiken zur Unterzeichnung eines Abkommens über eine neue, dezentralisierte Sowjetunion bewegen können. Doch nun ließ das selbst ernannte „Notstandskomitee“ Panzer in den großen russischen Städten auffahren.

Doch in der Armee fehlte der Rückhalt für die Putschisten. Die KGB-Sondereinheit Alpha – mit ihrem damaligen Anführer Michail Golowatow – verweigerte die Stürmung des Weißen Hauses, in dem sich der russische Präsident Boris Jelzin verschanzt hielt. Zehntausende demonstrierten auf den Straßen Moskaus. Nach drei Tagen war der Spuk vorbei – und hatte dennoch weitreichende Folgen.

Boris Jelzin war der große Gewinner des missglückten Staatsstreiches: Er, der Tage zuvor im braunen Sakko und mit geballter rechter Faust einen vorrückenden Panzer erklommen hatte, verbot der Kommunistischen Partei jede weitere Tätigkeit auf russischem Territorium, das Parteivermögen wurde nationalisiert, Gorbatschow musste als Generalsekretär der KPdSU zurücktreten, immer mehr Staaten erklärten sich unabhängig.

Die Idee eines neuen Unionsvertrags war damit endgültig vom Tisch – stattdessen wurde das Ende der Sowjetunion besiegelt: Die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, formal gegründet am 21. Dezember, löste die alte Union ab. Alle früheren Republiken außer den drei baltischen Staaten traten ihr zunächst bei.

 

Der Erste im Ruhestand

Gorbatschow, bei seinem Amtsantritt im Jahr 1985 noch als Hoffnungsträger gefeiert, musste am 25.Dezember 1991 als sowjetischer Präsident zurücktreten. Sechs Jahre zuvor hatte er verglichen mit der Gerontokratie der bisherigen Sowjetführer wie eine personifizierte Frischzellenkur gewirkt. Am Ende des langen Jahres 1991 war er nicht nur gealtert, sondern sein Amt war überhaupt abgeschafft worden. Der letzte aller Sowjetchefs starb nicht im Amt wie alle seine Vorgänger – sondern trat seinen Ruhestand an.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2011)