Als Verfremdung in Salzburg noch Fremdwort war

(c) BilderBox
  • Drucken

Während des Sommers erscheinen Jahr für Jahr auch Mitschnitte früherer Opernproduktionen und Konzerte, heuer etwa auch jene „Così fan tutte“, die 1983 Mutis Durchbruch bedeutete.

Misshelligkeiten mit, sagen wir, untauglichen Inszenierungen gibt es heuer ja nicht zum ersten Mal bei Festspielen – in Bayreuth wie in Salzburg. Die optisch völlig sinnentleerte Produktion von Strauss' „Frau ohne Schatten“ ist dennoch via TV in die Welt getragen worden und wird demnächst wohl auch auf DVD erscheinen. Das Gute daran: Man kann die Silberscheiben auch als CDs verwenden, auf Bildwiedergabe verzichten und nur Christian Thielemanns exzeptionelle Interpretation genießen.

Wobei szenische Erneuerungsversuche ja nicht grundsätzlich verwerflich sein müssen. Anders als in einem auf jahrelange Verwertung ausgerichteten Repertoirebetrieb, darf sich ein Regisseur bei Festspielen zu einem Stück schon auch einmal kühnere Theatergedanken machen.

Kein Herheim zu sehen

In Bayreuth hat sich – vor dem offenbar völlig missglückten „Tannhäuser“ dieser Spielzeit – Katharina Wagner in den „Meistersingern“ zwar weit vom vorgegebenen Handlungsschema entfernt, aber immerhin eine nachvollziehbare Deutung desselben angeboten. Stefan Herheim ist es hingegen beim „Parsifal“ gelungen, die Handlung zu erzählen und dabei noch die Aufführungsgeschichte mitzudenken. Ein Meisterstück – das leider nicht verfilmt wird, obwohl die bildmächtige Inszenierung auch für spätere Generationen spannend anzuschauen wäre!

Ob das für Robert Carsens Salzburger „Rosenkavalier“ auch gilt, bleibt abzuwarten, eine im Festspielbetrieb diskutable, hintergründige Verfremdung ist dem Regisseur jedenfalls geglückt. Semyon Bychkov hat exzellent dirigiert, und Angelika Kirchschlagers hinreißende Interpretation der Titelpartie ist ohnehin archivierenswert. Die DVD ist im Zuge der medialen sommerlichen Salzburg-Retrospektive wieder aufgelegt worden.

Ebenso wieder greifbar ist die Aufnahme von Mozarts „Così fan tutte“ von 1983. Das war eine märchenbuchbunte Aneinanderreihung szenischer Vignetten von Michael Hampe, beliebt bei Publikum und auch Dirigent, einem Mann, der sich später nicht mit allen Regisseuren so gut verstand: Riccardo Muti feierte seinen Einstand mit Mozart! Davor schätzten die Musikfreunde den strengen Neapolitaner vor allem im italienischen Repertoire und hatten auch schon bestaunt, wie er Bruckner dirigierte. Aber dass er für eine Generation zum geradezu idealen Anwalt des Salzburger Genius Loci werden würde, war damals noch nicht einmal zu erahnen.

Spannend aus heutiger Sicht: Auf der Bühne standen keineswegs nur Sänger, die man unbedingt mit Mozart assoziiert: James Morris, nachmals allseits eher Wotan vom Dienst, gab den Guglielmo!

Zum Nachkontrollieren gut: Händels „Theodora“ unter Ivor Bolton mit exquisiter Sängerbesetzung von Christiane Schäfer und Bernarda Fink bis Bejun Mehta: Auch diese Salzburger Premiere hat Christof Loy inszeniert – sie sieht in ihrer Reduktionsoptik der heurigen „Frau ohne Schatten“ desselben Regisseurs ziemlich gleich; nur dass der Oratorienstil zu Händel weitaus besser passt als zu Hofmannsthals und Strauss' bildreicher Märchenoper.

Philharmonischer Harnoncourt

Auf DVD auch erhältlich: Das Eröffnungskonzert von 2009, in dem die Philharmoniker unter Nikolaus Harnoncourt eine hinreißend wohltönende Schubertsche C-Dur-Symphonie musizierten. Sicherheitshalber nur auf CD hingegen Dvořáks „Rusalka“, im Vorjahr wegen rechtlicher Probleme nicht ausgeliefert. Jetzt ist sie da – und eine akustische Wonne: Das Cleveland Orchestra unter Franz Welser-Möst spielte wirklich so klangsinnlich und schön auf, wie man's aus dem Kleinen Festspielhaus im Gedächtnis hat. Und die Besetzung, allen voran der Prinz von Piotr Beczala, ist exzellent. Wie schnell Karrieren gemacht sind: Anna Prohaska ist von der ersten Nixe, die sie damals sang, längst zu den Hauptrollen aufgestiegen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2011)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.