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Banken misstrauen Banken: Erinnerungen an Lehman Brothers werden wach

(c) AP (Mary Altaffer)
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Europas Banken gehen auf Nummer sicher und beobachten genau, wem sie Geld leihen. Haben sie Zweifel, drehen sie einfach den Geldhahn zu. Am Mittwoch holten sie sich 50 Milliarden Euro von der EZB.

Wien. Wer Geld braucht, geht üblicherweise zur Bank seines Vertrauens. Wie aber kommen Finanzkonzerne kurzfristig zu Kapital, das sie dann in Form von Krediten weiterreichen oder das die Kunden am Schalter abheben können? Dafür gibt es den sogenannten Interbankenmarkt, auf dem sich die Institute untereinander Geld leihen. Dort traten in den vergangenen Tagen wegen der europäischen Schuldenkrise massive Spannungen auf. Die Banken beobachten genau, wem sie Geld leihen. Haben sie Zweifel, ob der Geschäftspartner die Schulden samt Zinsen zurückzahlen kann, drehen sie einfach den Geldhahn zu.

Nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008 ist der Interbankenmarkt zum Erliegen gekommen. Dies führte zu einer deutlichen Verschärfung der Finanz- und Wirtschaftskrise. Auch jetzt hat sich die Situation zugespitzt, was Nationalbank-Chef Ewald Nowotny als „kein gutes Zeichen“ wertet. Und EZB-Präsident Jean-Claude Trichet ortet die „schwerste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg“.

 

Hohe Zinssätze für Übernachtgeschäfte

Viele Kreditinstitute sind nicht bereit, ihr Geld an Konkurrenten in Spanien, Portugal oder Italien zu verleihen. Doch ohne frisches Kapital würden manche Institute schnell in die Pleite schlittern, weil sie die Kreditgeschäfte mit ihren Kunden nicht mehr refinanzieren können.

Ein wichtiger Krisenindikator sind die sogenannten „Overnight“-Zinssätze, zu denen Kreditinstitute einander über Nacht Geld verleihen. Diese erhöhten sich seit Wochenbeginn um mehr als 20 Prozent. Die Differenz zwischen den normalen Drei-Monats-Zinssätzen und den Overnight-Werten ist laut „Bloomberg“-Daten auf 0,64 Prozentpunkte gestiegen. Das ist das höchste Niveau seit März 2009. Wegen der Verwerfungen auf dem Interbankenmarkt ist nun die EZB wieder als „Tresor“ gefragt: Zu Wochenbeginn parkten die Geschäftsbanken mehr als 145 Milliarden Euro über Nacht bei der Zentralbank – so viel wie nie zuvor in diesem Jahr. Die Währungshüter zahlen dafür kaum Zinsen, trotzdem gehen die Banken auf Nummer sicher.

 

Unbegrenzte EZB-Gelder für Banken

Vor dem Zusammenbruch von Lehman Brothers gab es die Grundregel, dass die EZB der „Kreditgeber der letzten Instanz“ ist. Sie soll erst einspringen, wenn eine Geschäftsbank aufgrund finanzieller Engpässe in eine ernste Liquiditätskrise gerät. Doch davon ist inzwischen keine Rede mehr. Bereits im Herbst 2008 pumpte die EZB Milliarden in den Markt, um den Geldkreislauf in Gang zu halten. Wegen der europäischen Schuldenkrise reaktivierte das EZB-Direktorium, dem alle Notenbanker in der Eurozone angehören, in der Vorwoche ein eigentlich längst abgeschafftes Programm, den Sechs-Monats-Tender. Das bedeutet, dass sich alle Geschäftsbanken in der Eurozone für sechs Monate unbegrenzt von der EZB Geld leihen können. Bereits im Herbst 2008 hatten die Währungshüter den Finanzkonzernen mehrmals für sechs Monate und ein Jahr unbegrenzt Liquidität zur Verfügung gestellt.

Wegen der langen Laufzeit erhöht sich für die Kreditinstitute die Planungssicherheit, das ist in unsicheren Zeiten freilich von unschätzbarem Wert. Am Mittwoch holten sich Europas Finanzkonzerne 50Milliarden Euro von der Zentralbank. Die Kosten sind an den Leitzins gekoppelt. Dieser liegt derzeit bei 1,5 Prozent. Welche Banken sich an der Transaktion beteiligt haben, bleibt geheim. Österreichs Großbanken versichern laut „Presse“-Rundruf, dass sie nicht dabei gewesen sind. In Summe hat die EZB derzeit rund 505,1 Milliarden Euro an Banken verliehen. Marcello Zanardo, Analyst beim Vermögensverwalter Stanford&Bernstein, warnt im „Bloomberg“-Interview: „Wir bewegen uns auf ein Szenario zu, das in den Nach-Lehman-Zeiten existierte – wo die Banken auf Geldausleihungen durch die EZB angewiesen waren und die Finanzierungen teurer waren.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2011)