Der Bindermichltunnel in Linz wandelte sich vom Vorzeigemodell zum Sanierungsfall. Die Kosten explodierten, Wasser trat ein, aber der tägliche Stau ist geblieben.
Linz. Kaum sechs Jahre nach seiner Eröffnung ist der Tunnel am Bindermichl ein Sanierungsfall. Er gilt als teures Nadelöhr und ewige Stauzone der Mühlkreisautobahn A7 an der Linzer Stadteinfahrt. Der Rechnungshof beanstandete Fehler bei der Planung, Auftragsvergabe und im Controlling, nachdem die geplanten Kosten sich im Zuge der Bauarbeiten auf fast 180 Millionen Euro verdoppelt hatten.
Für die Sanierung muss nun auch der Landschaftspark Bellevue, der auf den überplatteten Tunnelröhren errichtet wurde, vorläufig wieder abgetragen werden. Als der Tunnelbau 2003 startete, galt er indes als Vorzeigemodell an Sicherheit und Lärmschutz: er sollte vor allem eine Verkehrsentlastung bringen – die A7 hat mit durchschnittlich 90.000 Fahrzeugen pro Tag und bis zu 7000 Fahrzeugen pro Stunde die höchste Verkehrsdichte außerhalb des Wiener Raums. Diese Entlastungsfunktion erfüllt der Tunnel nur bedingt. Jeden Morgen und Abend staut es an fünf Tagen die Woche, rund 80-mal im Jahr wird er wegen Unfällen gesperrt. Schon kurz nach der Eröffnung, gab es erste Meldungen über Wassereintritte. Eiszapfen, die sich an der Tunneldecke gebildet hatten, und Glatteisflächen auf der Fahrbahn gefährdeten die Sicherheit im Tunnel.
Man versuchte dem Problem zunächst mit Harzinjektionen beizukommen, bis das Ausmaß der Mängel bekannt wurde: Rund 1000 undichte Stellen soll es an der Decke des Bindermichltunels geben. Städtebaulich war das Bauvorhaben zunächst erfolgreicher: Die einst an der Oberfläche geführte Autobahn trennte für Jahrzehnte die Stadtteile Bindermichl und Spallerhof und schuf lärm- und abgasbelastete Wohnghettos auf beiden Seiten der Verkehrsschneise. Auf der ebenerdigen, achteinhalb Hektar großen Fläche liegt der Landschaftspark Bellevue: eine von Landschaftsarchitekten entworfene Grünzone, wo zuvor graue Vorstadttristesse herrschte.
Nur wer an die äußeren Grenzen der Grünanlage vorstößt, sieht auch die blauen Überkopfschilder, die auf die Fahrtrichtungen „Wien, Salzburg“ oder „Praha, Freistadt“ hinweisen. Allerdings war die Lebensqualität für 3000 Anrainer teuer erkauft: Man hätte sie um weniger Geld, als die Einhausung gekostet hat, in Neubauwohnungen in einer ruhigeren Gegend umsiedeln können, wie Kritiker bemerkten.
Dieser Park wird nun etappenweise wieder abgetragen und danach neu errichtet, um den Wassereintritt in die Tunneldecke zu stoppen. Prognostiziert werden Sanierungskosten von „mehreren Millionen Euro“; zuständig für die Behebung der Fehler ist laut Asfinag-Sprecherin Anita Oberholzer die bauausführende Arge A7 – darunter Porr, Strabag und Alpine: „Die Schäden fallen unter die Gewährleistungsfrist.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2011)