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Kenia: Nachbarschaftshilfe wider Willen

Kenia Nachbarschaftshilfe wider Willen
(c) AP (Schalk van Zuydam)
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Die Inbetriebnahme des neuen Camps "Ifo II" für Menschen aus Somalia fiel langen Erwägungen der kenianischen Sicherheitspolitik zum Opfer. Nach internationalem Druck wurde es nun geöffnet und füllt sich rasch.

Dadaab. Zelte aus Plastiksäcken, Stofffetzen und Ästen säumen das Gelände außerhalb von Dagahaley. Das wilde Camp gehört zur Zeltstadt Dadaab in Kenia, dem größten Flüchtlingslager der Welt. Seit Monaten reißt der Strom an Menschen, die aus dem Nachbarland Somalia hierher flüchten, nicht ab.

In Dagahaley gibt es kaum Wasser, keine Latrinen, nur eine improvisierte Sanitätsstation. Die Zeltstadt wuchert rund um das eigentliche Hauptlager. Um dort aufgenommen zu werden, müssen sich Neuankömmlinge registrieren – zum Büro führt eine 15 Kilometer lange Sandpiste, vorbei an dem nagelneuen Camp „Ifo II“.

Trotz Wasserpumpen, Klinik und drei Schulen stand es aber seit Monaten leer. Rund 24 Millionen Dollar hat das UN-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR investiert, um Ifo II zu errichten. Das Land hat Kenias Regierung 2009 bereitgestellt. November 2010 hätte die Umsiedlung der Menschen aus den wild wuchernden Außenlagern dorthin starten sollen – doch Tage vorher blockte die Provinzregierung ab: Sie fand, UNHCR sollte andere Ziegel zum Bau verwenden.

Der „Ziegelstreit“ war vorgeschoben, wie bald klar wurde: Politiker fürchteten, dass die Öffnung des neuen Lagers mehr Flüchtlinge nach Dadaab ziehen könnte. Nicht zu Unrecht: Dadaab wurde vor 20 Jahren für 90.000 Menschen gebaut, heute sind dort viereinhalb Mal so viel. Ein weiteres Flüchtlingslager in Kakuma (Nordkenia) beherbergt derzeit 81.000 Menschen aus den Nachbarstaaten. Zudem gibt es in Kenia rund 300.000 Binnenvertriebene.

„Es gibt kaum Länder, die so viele Flüchtlinge aufnehmen wie Kenia“, sagt William Spindler, UNHCR-Sprecher in Dadaab. „Wir sprechen von Hunderttausenden. Wie viele kommen nach Österreich?“ 5821 Anträge gab es laut Wiener Innenministerium bis Ende Juni, und 11.012 im Vorjahr.

 

Import von Kriminalität

Nicht die Finanzierung der Lager macht Kenia Kopfzerbrechen, dafür zahlt die UNHCR. Es ist die Unterwanderung der Städte durch Somali und die damit verbundene Kriminalität: Eastleigh, einer der ärmsten Slums von Nairobi, wird „Little Somalia“ genannt. Eine Siedlung nahe der Hafenstadt Mombasa namens „Mogadischu“ soll mit Lösegeld somalischer Piraten gebaut worden sein, die auch vor Kenia agieren. Dazu kommt die Gefahr, die von der islamistischen somalischen al-Shabaab-Miliz ausgeht. Die al-Qaida-nahe Bande hat sich mehrfach zu Attentaten in Kenia bekannt. Dass al-Shabaab in den Flüchtlingslagern präsent ist, ist kein Geheimnis.

Mit der Flüchtlingswelle wurde der Druck auf Kenias Regierung, das Lager Ifo II zu öffnen, zu groß, und sie gab im Juli nach. Seither zogen mehr als 15.000 Menschen her, täglich kommen 1000 bis 1500 hinzu. Weil von geplanten 15.000 Häusern aufgrund des „Ziegelstreits“ erst 116 (!) fertig wurden, stellt man vorerst Zelte auf. Bis Dezember könnten 900.000 Menschen allein im Lager Ifo II leben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2011)