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Ökonom: "Die USA stehen vor weiterer Herabstufung"

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Simon Evenett(c) Simon Evenett
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Noch vor Weihnachten werden die USA weiter herabgestuft, glaubt der britische Ökonom Simon Evenett. Der EU wirft er eine "Politik des Leugnens" vor, den Rettungsschirm möchte er gerne deutlich ausgeweitet wissen.

Die Presse: Sie gelten als Experte in der Schuldendebatte in den USA und Europa. Seitdem Standard & Poor's den USA das „Triple A“ entzogen hat, spielen die Märkte verrückt. Wiegen die US-Probleme schwerer als die Krise in Europa?

Simon Evenett: Das Problem in den Vereinigten Staaten von Amerika ist, dass die Amerikaner mit der Anhebung des Schuldenlimits praktisch nichts beschlossen haben. Alle wichtigen Entscheidungen wurden auf die lange Bank geschoben. Die Märkte haben auf ein Zeichen gewartet, doch das ist nicht gekommen. Das, verbunden mit den Schwierigkeiten in Europa, ist der Grund für die enorme Unsicherheit unter den Investoren.

Aber die Investoren trauen den USA nach wie vor: Zehnjährige Treasury Bonds sind so gefragt wie seit Jahren nicht mehr, sie werfen nur mehr etwas mehr als zwei Prozent Rendite ab.

Die US-Staatsanleihen gelten in solch unsicheren Zeiten noch als sicherer Hafen, auch weil die anderen beiden Ratingagenturen die USA nach wie vor mit „Triple A“ bewerten. Die jetzige Unruhe an den Aktienmärkten halte ich aber nur für den Beginn. Es wird schlimmer kommen, auch für Treasury Bonds.

 

Inwiefern?

Der US-Kongress wird von so vielen Radikalen wie nie zuvor dominiert. Und zwar in beiden Parteien. Auf der einen Seite die Tea Party, die zu keinem Kompromiss bereit ist, wenn es um Steuererhöhungen geht. Auf der anderen Seite viele radikale Demokraten, die trotz des hohen Defizits zu keinen Einsparungen bei Medicare und Medicaid(den Sozialprogrammen für Ältere und Einkommensschwache, Anm.)bereit sind. Bis Weihnachten müssen konkrete Maßnahmen zur Budgetsanierung präsentiert werden. Ich fürchte, dass sich die Parteien erneut nicht einigen werden.

Sollte dem so sein, würden automatisch Ausgabenreduktionen im Gesundheitswesen und beim Militär schlagend werden. Gespart wird in jedem Fall. Warum die große Sorge?

Die Maßnahmen reichen nicht weit genug. S&P hat Ausgabenreduktionen von vier Billionen Dollar über zehn Jahre gefordert, die automatischen Einsparungen belaufen sich aber nur auf 2,1 Billionen Dollar. Washington muss ein klares Zeichen setzen, dass es fähig ist, Beschlüsse zu fassen. Und weil das nicht passieren wird, glaube ich, dass auch die beiden anderen Agenturen die USA herabstufen werden. Noch vor Weihnachten. Auch eine weitere Herabstufung durch S&P halte ich für möglich.

 

Mit welchen Konsequenzen?

Die Finanzmärkte werden das Risiko völlig neu bewerten müssen, was an steigenden Zinssätzen für US-Staatsanleihen abzulesen sein wird. Für Washington wird dadurch die Finanzierung der Staatsschulden teurer, die Schuldenkrise wird verschärft. Das hat natürlich auch auf die Aktienmärkte Auswirkungen, es wird in nächster Zeit keine Ruhe einkehren.

Steht uns noch vor Weihnachten ein echter Crash ins Haus?

Nicht unbedingt. Aber noch eine oder mehrere Wochen, wie wir sie soeben erlebt haben, halte ich für durchaus wahrscheinlich. Und findet die US-Politik nicht bald eine Lösung des gewaltigen Schuldenproblems, kann das natürlich auch zum Crash führen.

Was bedeutet das für Europa?

Nichts Gutes. Spanien und Italien stehen noch schlechter da als die USA. Selbst wenn die Anleger US-Anleihen verkaufen, werden sie ihr Geld kaum in jene Italiens und Spaniens stecken. Sie werden weiterhin Deutschland vertrauen und auch ihr Geld weiter in den Schweizer Franken investieren.

Der Schweizer Franken wird also weiter an Wert gewinnen?

Davon gehe ich aus. Er wird die Parität zum Euro sehr bald brechen, ein Franken wird also bald mehr wert sein als ein Euro.

 

Was kann Europas Politik überhaupt noch tun, um den Euro zu retten?

Zunächst mal muss endlich Schluss sein mit dieser ewigen Politik des Leugnens. Ohne fundamentale Schritte wird es nicht mehr gehen, das muss endlich klar sein. Alles, was in den vergangenen zwei Jahren getan wurde, hat die Lage nur schlimmer gemacht.

 

Darüber sind sich mittlerweile fast alle Beobachter einig. Aber die Uhr zurückdrehen geht nun mal nicht. Was tun?

Die Politik muss den Märkten klarmachen, dass Italien und Spanien nicht zahlungsunfähig werden. Das geht nur, wenn Deutsche, Holländer, Finnen und auch Österreicher sagen, dass sie bereit sind, riesige Schecks zu schreiben. Das wird verdammt teuer, und es wird irrsinnig schwer werden, das politisch zu verkaufen.

 

Was Sie beschreiben, nennt sich Transferunion und ist in jenen Ländern, die ihr Schuldenproblem zumindest halbwegs im Griff haben, eher unbeliebt.

Wir stecken im Prinzip doch schon in einer Transferunion, nur will das keiner sagen. Anstatt verdeckt über die Europäische Zentralbank Staatsanleihen zu kaufen und wie im Fall von Griechenland ein Hilfspaket nach dem anderen zu beschließen, wäre es an der Zeit zu sagen: Schaut her, wir werden Italien und Spanien retten. Das wird teuer, aber es ist nötig. Im Gegenzug müssen die betroffenen Staaten alle Reformen weiter vorantreiben. An den Sparpaketen führt kein Weg vorbei.

 

Wie könnte das funktionieren? Durch die Einführung von Eurobonds?

Derzeit ist das nicht nötig. Der Rettungsschirm muss deutlich aufgestockt werden. Ich spreche von 400 Mrd. Euro für Italien und 400 Mrd. Euro für Spanien. Insgesamt sollte der Rettungsschirm zumindest eine Billion Euro groß sein.

 

Dafür garantieren würden die Deutschen, aber auch die Österreicher. Was, wenn es Italien trotzdem nicht schafft? Dann haben wir eine Billion Euro in eine gescheiterte Transferunion gesteckt.

Daran mag ich gar nicht denken, das darf nicht passieren. Die betroffenen Länder müssen den Ernst der Lage erkennen und alle Reformen ernsthaft umsetzen.

Auf einen Blick

Simon Evenett leitet das MBA-Programm an der eidgenössischen Universität in St. Gallen, wo er auch als Direktor des Schweizerischen Instituts für Außenwirtschaft und Angewandte Wirtschaftsforschung tätig ist. Er studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität von Cambridge. Sein Doktorat bekam er 1995 von der Yale University in den Vereinigten Staaten verliehen.

Der 42-jährige Brite verbrachte einen großen Teil seiner Karriere in den USA, wo er unter anderem für die Weltbank tätig war und an der Rutgers University sowie der University of Michigan unterrichtete. Er absolvierte mehrere Forschungsaufenthalte bei der Washingtoner Denkfabrik „The Brookings Institution“ und gilt als Verfechter des freien Marktes und des freien Wettbewerbs.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2011)