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Eine Generation schreckt aus der Siesta auf

Spanien. Nirgends in Europa ist die Jugendarbeitslosigkeit höher als in Spanien. Lange haben die Betroffenen geschwiegen. Seit Mai proben Studierende und arbeitslose Jungakademiker den friedlichen Aufstand. von Karl Gaulhofer

Madrid/Wien. Wer ist der größte Feind der „Spanischen Revolution“? Die Sommerferien, vermuteten Skeptiker schon Anfang Juni. Damals stand das Camp der „Empörten“ an der Puerta del Sol in Madrid noch in voller Blüte. Aber die vielen Manifeste, das Ringen um einen Konsens, die Kameras der Touristen und die Mikrofone der Medien – all das zehrte am revolutionären Geist der Studenten und arbeitslosen Jungakademiker. Und als das Semesterende nahte, brach die „Bewegung vom 15. Mai“ ihre Zelte ab, um sie an Campingplätzen am Meer wieder aufzustellen. Ende Juli marschierten noch einige hundert aus sieben Himmelsrichtungen zum „Sonnentor“, mit trockenen Kehlen und Blasen an den Füßen. Das hatte etwas vom Jakobsweg, und so nimmt es nicht Wunder, dass der katholische Weltjugendtag die „Indignados“ zum Mitbeten einlädt.

Die Revolte der spanischen Jugend fällt friedlich aus. Vor einer Woche griff die Polizei erstmals ein, als eine Splittergruppe versuchte, den Zaun des Innenministeriums zu übersteigen. Aber es fliegen keine Steine wie in Athen, es brennen keine Autos wie in London, und auch Juweliere können ruhig schlafen. Dabei sind die Probleme der jungen Iberer drängender als in allen anderen Ländern Europas: 45 Prozent der 16- bis 24-Jährigen sind ohne Arbeit. Wenn jemand einen Job bekommt, dann meist nur mit einem „Müllvertrag“ – auf kurze Frist, ohne Absicherung, unter Qualifikation bezahlt.

Niemand wundert sich, dass diese Jugend ohne Zukunft auf die Straße geht. Aber warum nicht schon viel früher? „Unsere Jugendlichen lebten in den Tag hinein, gerade in der Krise“, erklärt der Soziologe Alejandro Navas. Sie hofften, dass die Politiker die Lage ins Lot bringen würden. „Bei uns rufen alle nach dem Staat, besonders die Jungen. Das ist das Erbe Francos und der Bourbonen. Anders als in angelsächsischen Ländern, wo eine starke Zivilgesellschaft ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt“, sagt Navas.

Da das soziale Netz nichts so stark ausgebaut ist wie im reichen Norden Europas, übernimmt die Familie den Rest, auch noch für Dreißigjährige – als Pension, Putzerei und Ombudsmann bei Problemen. Aber nun muss die Regierung sparen und das Kommando an die globalen Gläubiger abgeben. Die Jungen stehen plötzlich im Verteilungskampf und erkennen, dass sie keine Zielgruppe für Politiker sind. Sie beginnen zu fordern: mehr Volksabstimmungen, weniger Korruption, eine Entmachtung der Banken. Naives und Absurdes trifft auf konkrete Reformvorschläge. Vor allem soll das Wahlrecht geändert werden, um die Zweiparteienherrschaft zu brechen, die Spaniens Gesellschaft so spaltet, als wäre sie noch mitten im Bürgerkrieg.


Alles fordern – von denen, die man hasst

Es ist eine Revolte gut ausgebildeter Jungbürger. Der Bauarbeiter, der nach dem Platzen der Immobilienblase seinen Job verloren hat, bleibt stumm. Aber das Niveau verhindert keine Widersprüche. Navas wundert sich: „Sie lehnen die Politikerkaste zutiefst ab, aber sie erwarten immer noch alles von ihr“ – mehr Arbeitslosengeld, garantierte Wohnung, Jobs. Und sie träumen davon, Beamte zu werden: Bei jeder Ausschreibung für den geschützten Bereich bewerben sich Tausende. Eine Forderung fehlt auf den Transparenten: die nach einem liberalisierten Arbeitsmarkt, für die meisten Ökonomen die einzige Chance auf mehr reguläre Jobs. Der strenge Kündigungsschutz und die hohen Abfertigungen verhindern fixe Anstellungen. Schon im Boom bescherten die Relikte des Korporatismus der Franco-Ära eine Jugendarbeitslosigkeit von über 20 Prozent. Ohne dieses Strukturproblem würde sie vermutlich auf EU-Schnitt sinken.

Nun lockert die Regierung Zapatero zaghaft das Korsett. Ein Teil der „Empörten“ reagiert mit skeptischem Achselzucken, das Gros mit Protest – gegen den Verlust einer Sicherheit, die sie nie hatten. Bei allen Widersprüchen bleibt eines bestehen: ein neuer Geschmack am Öffentlichen, an der gemeinsamen Gestaltung der Zukunft. Das zieht Kreise, weit über die Zeltlager hinaus. Eine Generation, die Politik zum Gähnen fand, schreckt aus einer langen Siesta hoch. Aber ganz wach geworden ist sie noch nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2011)