Wunschloses Unglück mit Peter Handke

Wunschloses Unglueck Peter Handke
Wunschloses Unglueck Peter Handke(c) EPA (HANS KLAUS TECHT)
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Selbst große Autoren können manchmal irren. Und dafür bestraft werden.

Ich muss heute mit einem Geständnis beginnen. Diese Zeilen werden in Wien geschrieben, also fernab des kulturellen und gesellschaftlichen Epizentrums jener Jahreszeit, die sich früher zwischen Frühling und Herbst geschoben hat. Und ich bin ein wenig neidisch auf die Kollegen draußen in Salzburg (schöne Grüße, ihr Lieben!). Diese Zeilen sind auch keine Nacht- oder Vorab-Kritik des neuen Handke, der Freitagabend auf der Halleiner Pernerinsel uraufgeführt wurde. Ob der große Mann der zeitgenössischen österreichischen Literatur immer noch einen Sturm der Begeisterung auszulösen vermag, darüber erfahren Sie andernorts mehr. Hier erfahren Sie nicht mehr und nicht weniger, als dass ich Peter Handke nicht nahetreten möchte – aber: In einem Punkt irrt er.

Vor wenigen Tagen hat Handke der „Kleinen Zeitung“ ein großes Interview gewährt. Darin kommt er eher abrupt auf jene Person zu sprechen, die jahrelang als literarischer Antipode zu ihm, Handke, stilisiert wurde – und umgekehrt: Thomas Bernhard, naturgemäß. Handke unplugged: „Bernhard ist für mich nicht der große Dichter. Er ist ein begnadeter Vereinfacher. Sand. Thomas Bernhard ist Sand. Unnützer.“ Handke, der aus der Betrachtung eines Sandkorns und der Beschreibung der Wirkung desselben auf die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt spielerisch und sehr nutzbringend mehrere Buchseiten füllt, hat sich selbst damit als – begnadet oder nicht – Vereinfacher geoutet. Einfach kompliziert? Bei mir steht er jedenfalls nun nicht mehr so sehr in der Gnad'. Kaum das Zitat gelesen, wurde der halbe Laufmeter Handke im Bücherregal nach links oben (ohne den Staub zu entfernen) versetzt, der Bernhard-Meter hingegen in Augenhöhe mittig platziert. Strafe muss sein.

E-Mails an: dietmar.neuwirth@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2011)

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