Denker mit Zauberstift

Raimund-Abraham-Mono- grafie, erweitert: "(Un)Built".

Während meine frühen Projekte Zeugnis ablegen von meiner Bestimmung, nach einer Architektur zu suchen, die ihre Ursprünge im Zusammenprall grundsätzlich abstrakter Formen mit der Topografie einer Landschaft hat, sind meine späteren Häuserserien Bekundungen meiner Obsession, das archetypische Ritual des Wohnens zu erfassen und zu planen.“ Also schrieb Raimund Abraham Anfang der 1990er, da stand die erste Monografie seines Schaffens, „(Un)Built“, vor ihrem Abschluss.

Jetzt, keine zwei Jahrzehnte später und ein Jahr nach Abrahams Unfalltod, liegt „(Un)Built“ wieder vor: in einer zweiten, erweiterten Auflage. „Die erste Auflage war schnell ausverkauft“, berichtet Herausgeberin Brigitte Groihofer, „und über die Jahre habe ich oft mit Raimund Abraham darüber gesprochen, eine erweiterte Neuausgabe anzugehen, aber das Vorhaben kam aus verschiedenen Gründen nicht recht voran.“ Unter anderem deshalb, weil Abraham „immer vorwärts blickte, sich auf die laufenden und auf neue Projekte konzentrierte“.

Abrahams Tochter, Una, gewährte Groihofer Zugang zum Nachlass, nicht zuletzt, um die Dokumentation der noch nicht erfassten Arbeiten Abrahams zu ermöglichen. Der Neuausgabe beigefügt finden sich zudem Texte über Abraham, die Freunde verfasst haben: Kenneth Frampton. Lebbeus Woods. Oder Wolf D. Prix: „Ich sehe Raimund auf einer weiten Ebene, es könnte das Meer sein, er sitzt auf den Grundsteinen seiner Häuser. Seine Augen liegen im Schatten seines Huts, seine Haltung ist die von Rodins Denker. Die linke Hand stützt seinen Kopf, aber die rechte liegt nicht auf seinem Knie, sie hält auch keinen Bleistift. Stattdessen hält sie einen Zauberstift, mit dem er auf seinem Laptop zeichnet.“ ■

Brigitte Groihofer (Hrsg.)
Raimund Abraham – (Un)Built
348S., geb., €74,85 (Springer Verlag, Wien)

Damals schrieb


Das Berliner Turnfest

(14. August 1861) Aus Berlin wird gemeldet: Das Turnfest und das schöne Wetter hatten die halbe Bevölkerung Berlins auf die Straße gelockt. In allen Straßen, welche der Zug passierte, war eine ungeheure Menschenmasse versammelt. Die Turner hatten durch ihre Erscheinung, ihre jugendliche Begeisterung, ihre Ordnung imponiert, selbst in den Kältesten und Blasirtesten die Ahnung erweckt, daß es doch etwas sei, wenn die Jugend einer ganzen Nation im frohen und doch ernsten Eifer ihre Leiber stählt, um sie dem gemeinschaftlichen Vaterlande, wenn es einmal ruft, zum Opfer darbringen zu können.

Die Ordnung, welche unter der ungeheuren Menschenmenge herrschte, war erstaunlich, die Stimmung die allerbeste, und die Theilnahme überall die freudigste, herzlichste. Hinter der überreich geschmückten Ehrenpforte stand eine große Anzahl festlich gekleideter Jungfrauen mit reichgefüllten Blumenkörben, um sie den Turnern zu spenden. Der Schützenplatz war durch riesige Flaggenstangen als Festplatz gekennzeichnet, umgeben von Tribünen, die Kopf an Kopf besetzt waren, an der linken Seite das Orchester. In der Mitte des Raumes war eine Büste Jahn's auf einem hohen Gestell aufgerichtet, davor eine Art Thurm, welcher als Rednerbühne diente. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2011)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.