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England: "Die Randalierer haben uns Schande bereitet"

England Randalierer haben Schande
(c) AP (Anthony Devlin)

Tottenham, eine Woche danach: Der Londoner Stadtteil kehrt langsam zur Normalität zurück. Politiker und Geschäftsleute rätseln über die hemmungslose Gewalt auf den Straßen. Der Wiederaufbau wird noch lange dauern.

Ein Dutzend Blumensträuße, in Cellophan verpackt, hängt an einem Eisenzaun. An einem halb verwelkten Strauß gelber Astern steckt ein Kärtchen. „Mark, du wirst nie vergessen werden“, steht darauf. Diese Prophezeiung hat sich auf erschreckende Art erfüllt: Hier, an der Ferry Lane, auf einer viel befahrenen, trostlosen Überführung neben der U-Bahn-Station Tottenham Hale, zwischen Sozialbauten und einem charmefreien Einkaufszentrum wurde am Donnerstag vergangener Woche der 29-jährige Mark Duggan aus noch ungeklärter Ursache von der Polizei erschossen.

Sein Tod gilt aus Auslöser für die schlimmsten Ausschreitungen in England seit Jahrzehnten: einen Flächenbrand von Krawallen, Brandstiftungen und Plünderungen, der sich in vier Tagen von Tottenham über ein halbes Dutzend weiterer Stadtteile auf Städte wie Bristol und Manchester ausgeweitet hat. Fünf Menschen kamen ums Leben – erschossen, erschlagen, totgefahren. Der Sachschaden an Geschäften, Gebäuden und Wohnungen wird auf mehrere hundert Millionen Pfund geschätzt.

Eine Woche nach Beginn der Ausschreitungen steht der Parlamentsabgeordnete für Tottenham, David Lammy, vor der Polizeistation auf der Tottenham High Road. Hier waren am Samstagabend, nach einer zunächst friedlichen Mahnwache, die ersten Steine geflogen. „Ehrlich gesagt, mir war schon am Donnerstag klar, dass die Stimmung sehr angespannt war, dass sich hier etwas zusammenbrauen könnte“, so Lammy zur „Presse am Sonntag“. Der Labour-Hinterbänkler, den vor Beginn der Ausschreitungen wohl nicht einmal viele Bürger seines Wahlkreises gekannt haben, ist in diesen Tagen zum Sprachrohr von Tottenham geworden. „Die meisten Menschen hier sind entsetzt über das, was passiert ist. Wir müssen ernsthaft darüber nachdenken, warum eine Gruppe junger Leute sich so verhalten hat.“


Kind Tottenhams. Der 39-jährige Lammy ist ein typisches Kind Tottenhams: Seine Mutter, Immigrantin aus Guyana, zog ihn und die drei Geschwister allein groß. In über der Hälfte der schwarzen Familien in Tottenham fehlt der Vater. Nicht so typisch ist, dass Lammy es trotzdem geschafft hat, die Schule zu beenden, Jura zu studieren und Karriere in der Politik zu machen. In Tottenham liegt die Jugendarbeitslosigkeit über dem Landesschnitt von 20 Prozent. Vierzig Prozent der Kinder im Bezirk Haringey, zu dem Tottenham zählt, lebt in Haushalten, die als offiziell arm gelten, also mit weniger als 60 Prozent des britischen Durchschnittseinkommens klarkommen müssen. „Es hat mich nicht besonders überrascht, dass sich die Ausschreitungen ausgebreitet haben“, sagt Lammy. „Es gibt Ähnlichkeiten zwischen der Jugend hier und in Südlondon beispielsweise. Und es ist eben auch eine Frage, wie die Polizei mit so einer Situation umgeht.“

Die Polizei musste in den vergangenen Tagen massive Kritik einstecken: Sie habe den Ernst der Lage viel zu spät erfasst und zu zögerlich durchgegriffen – und durch ihr Verhalten am Samstagabend mit zur Eskalation beigetragen. Rund 100 Demonstranten hatten sich vor dem roten Klinkerbau versammelt; sie wollten Antworten auf die Frage, wie und warum der vierfache Familienvater bei dem Polizeieinsatz ums Leben gekommen war. Doch statt mit der Familie zu reden, ließen die Beamten sie stundenlang auf der Straße stehen, bis sich die Wut der Demonstranten in Gewalt entlud.

„Es war einfach mangelnde Kommunikation und Information zwischen der Polizei und den Demonstranten“, sagt Steven Way. Der magere 31-Jährige mit Baseball-Kappe ist nicht unbedingt der Erste, dem man großes Verständnis für die Polizei zutraut: Way ist wegen Diebstahls vorbestraft und gerade erst wieder aus der Haft entlassen worden. „Ist dumm gelaufen, war nicht gut von der Polizei. Aber das ist noch lange kein Grund, hier Randale zu machen.“

Premierminister David Cameron hatte diese Woche hartes Durchgreifen angekündigt: „Wer alt genug ist, um solche Taten zu verüben, ist auch alt genug, die Konsequenzen zu tragen“, so der Konservative. Tatsächlich ist das britische Justizsystem durch die Ausschreitungen bereits völlig überlastet. Weit über 1500 Menschen wurden landesweit festgenommen, über 400 bereits zu Haftstrafen verurteilt – und es dürften noch viel mehr werden. Die Sonderkommission der Polizei wertet tausende Aufnahmen von Überwachungskameras aus, ermittelt wird an über 500 verschiedenen Tatorten.

Nachtschichten für die Gerichte. Die Gerichte haben Nachtschichten eingelegt, um den Ansturm bewältigen zu können. Die Gerichtsprotokolle belegen, dass die Randalierer und Plünderer längst nicht nur unterprivilegierte Jugendliche aus Einwandererfamilien sind. Zu den mutmaßlichen Tätern gehören Menschen jedes Alters und jeder Ethnie: Köche, Grafikdesigner, Hilfsschullehrer, Studenten, Schüler. Der Abgeordnete Lammy scheut sich, eine Erklärung für das Versagen moralischer Bremsen bei so vielen Menschen zu finden. „Das ist zu komplex für einen Soundbite.“

Dev Singh dagegen meint: „Das war einfach Gier. Ich fühle mich durch meine Landsleute blamiert.“ Der 28-Jährige arbeitet in einem „Money Shop“ auf der Tottenham High Road – hier werden die Anwohner mit Schnellkrediten geködert, können Gold zu Geld machen, Wertsachen verpfänden. „Wir haben gerade erst wieder aufgemacht“, erklärt Singh und deutet auf die Spanholzplatten vor dem Fenster. „Sie haben uns die Scheiben eingeschlagen. Gott sei Dank haben sie unseren Safe nicht geknackt.“ Dass sein Geschäft mit Schnellkrediten die Kultur der Gier noch beflügelt, glaubt er nicht: „Die Plünderer haben geglaubt, sie könnten sich einfach nehmen, was sie wollten. Sie verstehen nicht, dass man Besitz respektieren muss.“

Der Immobilienmakler Chris Polycarpou fürchtet, dass das Image des Stadtteils nachhaltig leiden könnte – und damit sein Geschäft. „Nach den letzten Ausschreitungen 1985 sind die Preise hier leicht eingebrochen.“ Und sein Geschäftspartner Barry Parker ergänzt: „Tottenham ist sowieso schon der billigste Teil Nordlondons.“ Für rund 200.000 Pfund gibt es hier schon ein Haus mit zwei Schlafzimmern – in anderen Teilen des Bezirks Haringey bekommt man dafür nicht einmal ein Ein-Zimmer-Appartement. „Junge Paare ziehen hierher, weil sie es sich nur hier leisten können, ihr erstes Haus zu kaufen“, sagt Polycarpou. „Auch wenn das jetzt gefühllos klingt: Irgendwie ist es ganz gut, dass es diesmal auch anderswo geknallt hat. Damit ist klar, dass so etwas nicht nur in Tottenham passiert.“

Falsche Infos. Eine Woche nach den Ausschreitungen kehre in das Viertel wieder ein gewisses Maß an Normalität zurück, sagt der Abgeordnete Lammy. „Aber der Heilungsprozess für diese Nachbarschaft, der Wiederaufbau, das wird natürlich sehr viel länger dauern.“

Zumal die offenen Fragen über den Tod von Mark Duggan, die zu den ersten Unruhen vor einer Woche geführt haben, noch nicht beantwortet sind. Die unabhängige Beschwerdekommission der Polizei musste am Freitag einräumen, dass sie mit falschen Informationen an Journalisten die Situation noch zusätzlich aufgeheizt hatte. In ersten Berichten hatte es geheißen, Duggan sei in einem Taxi von einer Sondereinheit der Polizei gestellt worden und habe zuerst auf die Beamten geschossen. Inzwischen ist klar, dass der polizeibekannte, aber nicht vorbestrafte Farbige, der Kontakte zur Unterwelt gehabt haben soll, zwar eine Waffe bei sich hatte, aber nicht selbst abdrückte.

Die 71-jährige Diakonin Anne Osborne, die seit über 20 Jahren im Viertel lebt, ist jedenfalls optimistisch: „Tottenham ist ein wundervoller Ort und es tut mir weh, dass diese Randalierer unserem Viertel so eine Schande bereitet haben. Aber wir hier in Tottenham geben nicht so schnell auf.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2011)