Warum Anleger jetzt besser nicht ins fallende Messer greifen, sondern ihr Pulver für den Wiederaufschwung trocken halten. Wer nichts zu verschenken hat, wartet jetzt mit Neuengagements ab, bis sich die Nebel lichten.
Der Dow Jones Index 200 Punkte im Minus und dann mehr als 400 im Plus. Und das alles innerhalb von zwei Stunden: So etwas wie vergangene Woche sieht man nicht jeden Tag. Eine großartige Zeit für Daytrader, die kurzfristig in beide Richtungen spekulieren. Für alle anderen ist nach wie vor der Cash-Polster an der Seitenlinie der richtige Platz.
Man muss das jetzt extra erwähnen, weil schon wieder einige Anlageexperten unterwegs sind, die meinen, die jüngsten Kursstürze hätten Aktien fundamental „billig“ gemacht, was gute Wiedereinstiegschancen biete. Das ist aus mehreren Gründen Unsinn:
Erstens haben die Märkte noch keinen Boden gefunden. Und wir wissen auch noch nicht, wo der sein könnte. Die letzte Börsenkrise 2008 hat jedenfalls gezeigt, dass Kurse, wenn sie einmal im Rutschen sind, viel weiter zu Tal fahren können, als sich das die kühnsten Börsianer träumen lassen. Daran ändern auch kurze Gegenbewegungen nichts. Diese sogenannten „Bullenfallen“ verleiten ungeduldige Anleger nur zu vorzeitigem Einstieg. Was sich meist als ziemlich teurer Spaß erweist. Mittelfristig orientierte Anleger warten jetzt klugerweise ab, bis die Charts eine nachhaltige Trendwende signalisieren. Das kann unter Umständen auch bis in den Herbst hinein dauern.
Fundamentaldaten unwichtig. Zweitens ist der Hinweis auf „fundamental unterbewertete“ Aktien derzeit wenig hilfreich. „Fundamentals“ interessieren in Situationen wie diesen nämlich niemanden. Automatische Handelssysteme, wie sie auf dengroßen Börsen immer kursbestimmender werden, basieren auf Instrumenten der technischen Analyse. Zudem ist die Börse eine „Herdenveranstaltung“, bei der die Meute auf bestimmte Signale hin geschlossen in eine Richtung rennt. In Zeiten der Panik werden da auch gute Unternehmen nach unten mitgerissen.
Drittens, und das ist der wichtigste Punkt, darf man den „Fundamentals“ nicht mehr trauen. Die basieren nämlich auf veralteten Daten. Eines der wichtigsten Instrumente zur Feststellung der „Preiswürdigkeit“ einer Aktie ist beispielsweise das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Das ist nach den jüngsten Kursstürzen bei vielen Aktien auf Werte gefallen, bei denen man eigentlich blind „zuschlagen“ müsste. Allerdings: Das „G“ im KGV, nämlich die Gewinnschätzung, stammt meist noch aus der Zeit vor dem jüngsten Crash.
Wenn sich die Konjunktur deutlich verschlechtert (worauf alle Anzeichen hindeuten) oder die Industriestaaten gar in eine erneute Rezession rutschen (was einige Experten schon befürchten), dann müssen die Gewinnschätzungen nach unten revidiert werden. Und dann werden viele „Schnäppchen“ gar nicht mehr so billig ausschauen. Diese Gewinnschätzungs-Revisionswelle wird in den kommenden Wochen und Monaten über die Börsen rollen.
Dass die Wirtschaftsforscher ihre Prognosen vorläufig nicht nach unten revidieren, sollte Börsianer nicht verunsichern: Deren sonst recht passabel funktionierende ökonometrische Rechenmodelle versagen in Umbruchzeiten nämlich völlig. Zuletzt hat man das 2008 gesehen, als die Institute und die Nationalbank der österreichischen Wirtschaft für 2009 im Dezember (da war der Finanzcrash schon in vollem Gang) BIP-Rückgänge zwischen 0,1 und 0,5 Prozent voraussagten. Geworden sind es dann 3,9 Prozent.
Abwarten. Der langen Rede kurzer Sinn: Wer nichts zu verschenken hat, wartet jetzt mit Neuengagements ab, bis sich die Nebel lichten. Durch die blicken nämlich auch Fachleute noch nicht so recht durch. Der Beweis: Die Jahresprognosen für den deutschen DAX, die bis vor ein paar Tagen auf 7500 bis 8200 Punkte gelautet haben, sind von deutschen Bankanalysten jetzt schon auf 5000 bis 6200 Punkte zurückgenommen worden. Einzelne Extrem-Schwarzseher glauben sogar, dass das Frankfurter Börsebarometer auf bis zu 2000 Punkte abstürzen könnte. Das ist eine Bandbreite, die nicht den Eindruck erweckt, als hätten die Profis derzeit viel Ahnung, wohin die Reise geht.
Kluge Anleger warten jetzt jedenfalls ab, halten aber ihr Pulver trocken. Das heißt, sie parken ihr Geld dort, wo es schnell verfügbar ist, falls die Reise wieder nach Norden geht. Auch wenn derzeit solche „Parkgelegenheiten“, etwa Tagesgeldkonten, nicht einmal die Inflation abdecken. Denn wenn es in ein paar Wochen oder – was wahrscheinlicher ist – Monaten wieder nach oben geht, kommt es darauf an, von Anfang an dabei zu sein.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2011)