Die Börse rückt derzeit mit negativen Kursen ins öffentliche Interesse. Die Alte Börse auf der Ringstraße lässt das relativ kalt. Dort wird längst mit Sportwetten, Blumen oder Gold gehandelt.
Sie macht derzeit wieder verstärkt auf sich aufmerksam – wenn auch nicht ganz freiwillig. Nicht nur der Wiener Börse wäre es wohl nicht so unrecht, wenn man mit ihr eben keine besorgten Gesichter vor sinkenden Kurven assoziieren würde. Nicht nur deshalb, weil das Bild der in einem Großraumbüro vor vielen Monitoren sitzenden Händler, einen Telefonhörer in der Hand, lautstark schreiend, schlicht nicht mehr stimmt. Die Wiener Börse hat zwar ihren Sitz im Palais Caprara-Geymüller in der Wallnerstraße und damit eine Adresse, in der Geschäfte gemacht werden. Dort wird der Handel allerdings nur noch überwacht und organisiert. Dank elektronischer Handelssysteme werden die Geschäfte vorwiegend in Bankenbüros abgewickelt.
bwin und Goldankauf 123. Früher war bei Weitem nicht alles besser, aber immerhin anders. Von 1877 bis 1998 war die Wiener Börse dort untergebracht, wo sie auch heute noch oft vermutet wird: im Börsegebäude an der Ringstraße. Der damalige Arbeitsalltag entspricht wohl noch am ehesten den gängigen Klischees. „Heute haben wir hier aber rund 40 Büros, ein Restaurant, ein Kaffeehaus, den Gartenbau Lederleitner und eine Tankstelle untergebracht“, sagt Martin Troger. Er ist als Geschäftsführer der zuständigen Hausverwaltung Rustler so etwas wie der Herr über das Börsegebäude. Mit einem großen Schlüsselbund in der Hand führt der freundliche Mann im dunklen Anzug durch die Räumlichkeiten. Einen Portier gibt es hier schon länger nicht mehr, der wurde durch automatisierte Technik ersetzt. Lediglich ein prunkvoller Holzverschlag erinnert noch an ihn.
Seit 1999 das Börsegebäude von Billa-Gründer und Immobilien-Tycoon Karl Wlaschek über eine seiner Stiftungen gekauft wurde, betreut Rustler das Haus in Form von Hausverwaltung, Facility Management, Bau- und Projektmanagement und teilweise auch als Makler. Von den insgesamt 22.500 Quadratmetern vermietbarer Fläche sind derzeit insgesamt 2000 Quadratmeter zu haben. „Das sind etwa sieben Büros in unterschiedlicher Größe“, sagt Troger. Nachsatz: „Trotz Krise ist das ein Gebäude, das ganz gut geht. Die Adresse hat einfach einen guten Namen.“ Auf der Außenwand wird dennoch mit der Vermietung prunkvoller Büros geworben.
Dass aufgrund der Historie des Gebäudes viele Finanzdienstleister untergebracht sind, verwundert wenig. Die Mieter des Hauses sind dennoch bunt gemischt: von Thomson Reuters über Gazprom bis zu Goldankauf 123. Größter Mieter ist der Sportwettenanbieter bwin, der auf 4500 m2 und zwei Stockwerken Platz genommen hat.
Drei Adressen. Sie alle sind zwar in einem Haus untergebracht, teilen sich aber drei Adressen: Börsegasse 10, Wipplingerstraße 34 oder Schottenring 16. „Wir haben auch vier Eingänge. Das ist ganz praktisch, so kann man sich eine passende Adresse aussuchen.“
Da passt es eigentlich auch ganz gut, dass das Haus, das von 1874 bis 1877 vom dänisch-österreichischen Architekten Theophil Hansen gebaut wurde, mehrere, auch jüngere Baustile zu bieten hat. Am 13.April 1956 brannte die Börse wegen eines Zigarettenstummels, der über ein Gitter am Gehsteig in den Keller gelangte, beinahe komplett aus. Der große Wertpapiersaal in der Mitte des Gebäudes wurde zerstört und drei Jahre später durch einen Innenhof ersetzt. Dass es damals eher schnell und günstig gehen musste, zeigt die einfache Innenfront im Stil der späten 50er-Jahre.
Stilbrüche im Innenhof. Ein weiterer Stilbruch – wenn man das so nennen möchte – ist ein großer Zubau im Form eines Glaszylinders, der 1999 im Innenhof angebracht wurde. „Das ging vom Denkmalschutz her nur deshalb, weil man es von außen nicht sieht“, sagt Troger. Dadurch wurden pro Stockwerk je 500 weitere Quadratmeter gewonnen. Stockwerke gibt es übrigens fünf ober- und zweieinhalb unterirdische.
Und diese zweieinhalb waren damals eine Sensation. Im Untergeschoß war eine der ersten Zentralheizungen untergebracht. Allerdings wurde die Luft nicht wie heute über Lüftungsrohre transportiert, sondern in einem Labyrinth aus Kollektorgängen. Nur gebückt kann man diese betreten – daher der halbe Stock. „Heute kommt uns das zugute. Wir verwenden sie als Wartungsgänge“, sagt Troger und führt über eine schmale Fluchtstiege wieder hinauf zur ebenen Erd. Bevor man diese erblickt, riecht man schon den frischen Lavendel, der bei Lederleitner verkauft wird. Im selben Raum befindet sich das Restaurant Hansen, in dem sich gerade ein paar Anzugträger vom Mittagstisch erheben. Die Arbeit ruft – wenn auch nicht jene mit Wertpapieren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2011)