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Salzburger Festspiele: Peter Handkes tiefe Wurzeln

(c) Salzburger Festspiele/Foto Weber
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Der Geist des Autors über der Stadt: In der Edmundsburg wird in der Reihe „Jenseits der Grenze“ Slowenisch-Kärntnerisches aus verschiedenen Perspektiven erörtert, eine Schau illustriert Handkes Salzburger Jahre.

Mitten in Salzburg blüht für einen kurzen Sommer über den Festspielhäusern ein Fleckchen Südosteuropa: Auf  der Terrasse der Edmundsburg vor dem „Stefan Zweig Centre“ gibt es eine Osmica, eine Weinschenke, mit spektakulärem Blick auf Festung, Dom und weit ins Land. Schaulustige können sich an Käse, Schinken, eingemachtem Gemüse und Wein aus dem Karst laben. Der Locus amoenus dient auch der Einstimmung auf das Werk Peter Handkes, dessen Partisanen-Drama „Immer noch Sturm“ am Freitag bei den Festspielen zur Uraufführung kam.
In der Edmundsburg wird seit Samstag das Kärntnerisch-Slowenische des Autors aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. „Jenseits der Grenze“ heißt die Reihe an Lesungen und Diskussionen, die Schauspielchef Thomas Oberender initiierte. Die ersten Abende jedenfalls förderten das tiefere Verständnis des Kontinents Handke.
Klemens Renoldner, Direktor des Zweig-Zentrums, leistet ebenfalls einen Beitrag: Eine kleine Ausstellung dokumentiert den Aufenthalt Handkes in Salzburg. Der wohnte 1979–1987 bei Freunden auf dem Mönchsberg, eine reiche Schaffensphase, wie die ausgestellten Objekte zeigen: Originalmanuskripte in Bleistiftschrift, Postkarten, Fotos, Zeichnungen, Erstausgaben. „Der Chinese des Schmerzes“ (1983), die Übertragung „Prometheus gefesselt“ (1986) und Filmprojekte mit Wim Wenders entstanden hier. Das Drama „Über die Dörfer“ wurde 1982 bei den Festspielen uraufgeführt. 1986 folgte „Die Wiederholung“. Sie sind thematisch mit „Immer noch Sturm“ verbunden. Wie sehr die slowenischen Wurzeln das Gesamtwerk prägten, kann man in Fabjan Hafners famoser Studie „Peter Handke. Unterwegs ins Neunte Land“ nachlesen (Zsolnay 2008).

 

Die Opfer der Nazis in Kärnten

Zur Einstimmung auf „Jenseits der Grenze“ las der Schauspieler Jens Harzer aus dem Dokumentarband „Die Opfer des Nationalsozialismus in Kärnten“. Lakonisch brachte er Dutzende der tausenden Ermordeten des Nazi-Terrors in Erinnerung – Schicksale einfacher Menschen im Widerstand gegen das Dritte Reich. So erfahren wir von Maria, der Mutter des Dichters Florian Lipuš, die ermordet wurde, weil sie gastfreundlich war. Nazis hatten sich als Partisanen ausgegeben und waren von ihr verköstigt worden. Das reichte, um diese Magd ins Gas zu schicken. Bittere Pointe der Erzählung des Dichters, der damals ein kleines Kind war: Mit 70 bekommt er vom Staat eine Entschädigung. „Mit den Toten leben müssen die Verbliebenen allein“, schreibt er. Lang ist die Liste der Opfer, ganze Familien und Sippen werden genannt, das erklärt den Furor in Passagen bei Handke vollkommen schlüssig.
Empört gibt sich am Sonntagabend Klaus Amman, Leiter des Robert-Musil-Institutes der Uni Klagenfurt. Bald würden sich Politiker nach der Einigung  im Ortstafel-Streit um eine solche zweisprachige Tafel drängen, „extra groß, damit sie alle ins Bild kommen“, doch zugleich gebe es in Kärnten „kein einziges öffentliches Denkmal für die Partisanen, dafür aber auf dem Domplatz ein Denkmal für die Verschleppten“.
Der Literaturwissenschaftler verwies damit darauf, dass den Slowenen im Widerstand gegen Hitler immer noch vorgeworfen werde, sie hätten an die 200 Kärntner Nazi-Täter nach Jugoslawien verschleppt und 100 von ihnen ermordet. Das sei mit größter Wahrscheinlichkeit durch Tito-Partisanen geschehen, es gebe keinen Hinweis auf Kärntner Slowenen. Fest stehe aber, dass zehn Tage nach Kriegsende zurückflutende Nazi-Verbände bis zu 200 Partisanen ermordet haben, dass es Mord und Folter gegeben habe. Davon spreche im offiziellen Kärnten aber niemand. Slawen wurden als Angehörige der Feindesnation behandelt.
Amman zeichnete nach, wie verquer die Geschichte dieser Partisanen noch immer rezipiert werde, wie detailliert die Geschichte in Handkes Werk einfließe. Im Dialog mit Marina Jamritsch wurde danach offenkundig, wie viel noch aufgearbeitet gehört. Jamritsch ist Lehrerin am Gymnasium in Hermagor, hat mit ihren Schülern die Geschichte der Opfer untersucht, die Ermordung von Kärntner Juden, Wehrmachtsflüchtlingen und Behinderten. Ihr hohes Ziel: „Wir wollen den Opfern einen Namen geben.“
Am 16. 8. erörtern der Germanist Hans Höller und Thomas Oberender „Das Pathos der Stimmlosen“. Am 18. 8. reden Handke-Biograf Malte Herwig und Schauspieler Markus Boysen über Handke bei W. G. Sebald; dessen Essay „Jenseits der Grenze“ analysierte „Die Wiederholung“. Jeweils um 19.30 Uhr.