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Iolante: Das neue Traumpaar heißt Netrebko/Beczala

(c) APA/FRANZ NEUMAYR (FRANZ NEUMAYR)
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Die Salzburger Festspiele statuierten ein Exempel: Was Anna Netrebko zu Anna Netrebko macht, das ist am besten im Rahmen einer konzertanten Aufführung zu studieren: Man gab Tschaikowskys letzte Oper "Iolante".

Was die Kumulierung schöner Stimmen betrifft, war das einer der beglückendsten Festspielabende, die sich denken lassen. Einwendungen also erst später. Zum guten Anfang ganz grundsätzlich: Wer wissen möchte, was Anna Netrebko zu Anna Netrebko macht, der besucht am besten einen konzertanten Opernabend mit der Diva.
Inszenierungen, um gleich noch eine Binsenweisheit hinzuzufügen, gehören ja mittlerweile auch bei den Salzburger Festspielen in der Regel zu den Ärgernissen. Sie tragen jedenfalls meist wenig zum Verständnis eines Stückes – und erfahrungsgemäß gar nichts zur ästhetischen Erbauung der Zuschauer bei.

 

Ein Netrebko-Konzert? Theater!

Bei einer konzertanten Wiedergabe hingegen sind die Sänger ganz auf sich selbst gestellt. Und das bedeutet im Falle der Netrebko: Theater. Vollbluttheater.
Ein paar rote und weiße Rosen in einer Vase hinter dem Dirigentenpult – das ist genug der Ausstattung, um die Geschichte von der blinden Königstochter und ihrer Entdeckung des Lichts anrührend zu erzählen.
Dass Tschaikowskys „Iolante“ zuerst seelisch erleuchtet werden muss, bevor sie die Schönheit der Schöpfung in ihrem strahlenden Glanz realiter erschauen kann, erfährt man bei Anna Netrebko dank der immensen Ausdruckskraft ihres Gesangs.
Zur glaubwürdigen Darstellung szenischer Vorgänge reichen einige Andeutungen und Gesten. Der Rest ist Stimme, einmal im Furor explosiv herausgeschleudert, dann wieder fein zurückgenommen im intimen Selbstgespräch des Mädchens über die Kraft der sinnlichen Erfahrung: Ob die Augen noch zu etwas anderem da sein sollten, als den Tränen ihren Lauf zu lassen?
Und weil dem satt gerundeten Sopran-Timbre der Netrebko mit dem Tenor Piotr Beczalas ein absolut adäquates Pendant entgegenklingt, ebenso expressiv geführt und ungemein leuchtkräftig bis in die allerhöchsten Höhen, kann ein Duett zum euphorisierenden Höhepunkt eines Festivals werden: So ekstatisch können Stimmen von Liebe und Begehren singen, können geradezu körperlich spürbar Ekstase in sämtlichen Hörern im Großen Festspielhaus wecken – und alles vergessen machen, was rundum sich sonst regen mag.
Vor allem Tschaikowskys Musik, die da nur noch Mittel zum Zweck ist, ja die genau genommen gar nicht erklingt, weil den Stimmen nichts annähernd Gleichwertiges aus dem Orchester entgegengesetzt wird, weil da kein instrumentaler Aufschwung die Stimmen trägt: Inspiration, Energie, ja explosives Potenzial gewinnen die Sänger an einem solchen Abend ausschließlich aus sich selbst.
Das gilt auch für einen Bariton wie Alexey Markov, der die hymnische Arie des Herzogs Robert mit Verve serviert, während etwa John Relyea seinem Bass zu wenig Sammlung abtrotzt, der melodischen Linie zu wenig Führung angedeihen lässt, um mit der an sich gleichermaßen wirkungssicheren Soloszene des Königs Applaus zu ernten. Das Publikum reagiert da mit sicherem Instinkt.

Dirigent, schmerzlich vermisst

Gute Führung vom Dirigentenpult aus könnte manches wettmachen und vor allem Peter Iljitsch Tschaikowsky zu seinem Recht verhelfen: Der war's nämlich, der dies alles möglich machte.
„Iolante“ ist seine letzte Oper, zeitgleich mit dem „Nussknacker“ entstanden und am selben Abend wie dieser uraufgeführt. Der Meister arbeitet da auf dem absoluten Höhepunkt seines Könnens, Inspiration und technisches Raffinement sind exquisit balanciert.
Allein: Es bräuchte orchestrale Eloquenz, um nicht nur die Singstimmen aus dieser Partitur zum Leben zu erwecken. Wiener Opernfreunde erinnern sich einer szenischen Produktion des Werks im Theater an der Wien, in der seinerzeit Piotr Beczala in der Morgenröte seines Ruhms schon den Grafen Vaudémont sang.
Damals dirigierte Wladimir Fedosejew sein Moskauer Rundfunkorchester, und man ahnte bereits bei den ersten Takten, dass da ein Meisterwerk wiederzuentdecken sein würde.
Diesmal klang eingangs der Bläserchor des Mozarteumorchesters reichlich unsicher, was die Intonation betrifft, und vor allem ohne jede spürbare Kontrolle über die harmonischen Balanceakte und die melodischen Entwicklungslinien.

Das Opfer: Igor Strawinsky

Für die Streicher gilt das Nämliche, den ganzen Abend lang: Wie man mit leidenschaftlichen Vokalausbrüchen so nicht mitspielen kann, bleibt immerhin ein Rätsel: Selbst wenn Ivor Boltons stets agile, tänzelnde Führung des Taktstocks vielleicht nicht automatisch zu ausgreifendem Legato-Spiel animiert.
Absolut tödlich ist solches für ein Werk wie Igor Strawinskys „Rossignol“, die vor der Pause wie eine einschläfernde Pflichtübung abrollte. Das Werk – ein Akt entstand vor dem „Feuervogel“, der Rest nach „Sacre du printemps“ –, ist ohnehin stilistisch zerrüttet und daher heikel zu bewältigen.
Julia Novikova absolvierte das Vogelgezwitscher zwar beeindruckend sicher, aber es waren doch der leichte, wohlig warm timbrierte Sopran von Julia Lezhneva (sie sang die Köchin) und der schöne Tenor des Italieners Antonio Poli (Strawinskys Fischer und Tschaikowskys Almeric), die man an diesem Abend als Entdeckungen bezeichnen durfte.
Im Übrigen nur glückliche Gesichter und begeisterter Applaus für alles und jeden zuletzt. Es war ein Stimmfest, jedes Vehikel, auch Tschaikowskys letzte Oper, war dem Auditorium zu diesem Zweck willkommen.
Le Rossignol/Iolante. Dirigent: Ivor Bolton. Mit Anna Netrebko, Julia Novikova, Piotr Beczala, Alexey Markov und anderen. Wiederholung: Großes Festspielhaus, 20. August (20.30 Uhr).