Was treiben Bullen und Bären im Innersten der ökonomischen Vernunft? Und warum ist die selbst so ein Sensibelchen?
SubTextDie Börse sei nervös, weil irgendeine Volkswirtschaft ihr Wachstumsziel verfehlen werde. Mit diesem Satz beginnen seit Wochen die Nachrichten, man kann ihn nicht mehr hören. Dabei ist er gleich in zweierlei Hinsicht spannend: Zum einen ist sie also nervös, die Sensible, so wie wir es sind vor einem Rendezvous oder dem Zahnarzt. Dann soll sie eben Baldrian nehmen, oder in härteren Fällen Valium, und wenn auch das nicht hilft, dann möge sie einen Schüler des Professor Freud aufsuchen, der hat die Nervosität in den Tiefen der Seele erkundet!
Aber all das tut sie nicht, sie setzt stattdessen andere in Bewegung: Bevor die Börsen in Fernost öffnen, muss die EU fristgerecht in Nachtschichten Beruhigungspillen vergolden, schwer. Denn diese Nervosität ist offenbar ein schweres Leiden, man weiß nur nicht, wen es befallen hat: Die Börse ist kein Subjekt, sie tut aber so, zumindest können wir – bzw. die Analysten, die uns allabendlich die Welt erklären – uns die Mysterien der Ökonomie nur anthropomorphisiert vorstellen.
Und naturalisiert. Die Börse hat auch zwei Seelen in ihrer Brust, die eine hat Hörner, die andere Klauen, Bulle und Bär, Hausse und Baisse, kraftstrotzend laden sie in die Arena von Wall Street. Was haben dort Bären und Bullen verloren? Der Bulle schleudert seine Opfer mit den Hörnern nach oben, der Bär haut sie mit den Tatzen nieder, das ist eine Erklärung. Die zweite sieht den Ursprung der Metapher in Schaukämpfen zwischen Bullen und Bären, und die dritte kommt der Wahrheit wohl am nächsten: In frühen Spekulationen wurden die Felle von Bären schon gehandelt, bevor noch die Tiere erlegt waren, das klingt ganz vertraut und geht auf Dauer nicht gut, deshalb deutet der Bär auf die Baisse.
Wie auch immer, da kämpfen im Innersten der ökonomischen Vernunft Naturgewalten, die erstens mit Menschen nichts zu tun haben – sie haben keine Moral und keine zurechenbare Verantwortung – und zweitens viel stärker sind: Wenn die Heuschrecken kommen, flüchten wir – mit dem letzten Pflänzchen Hoffnung in der Hand –, viel mehr als schimpfen können wir dabei nicht. So ein Schwarm ist übermächtig, er frisst alles auf.
Und dann verhungert er. Denn so eine Vermehrung wie in der zweiten Natur – der des Geldes, das ja irgendwie lebt – gibt es in der ersten denn doch nicht: Die seltsamste und stärkste Metapher des Wirtschaftslebens ist die vom Wachstum, auch sie ist der Natur entlehnt. Aber gerade dort gilt das Gesetz nicht, kein Geschöpf wächst ohne Ende, irgendwann würden die stärksten Beine und Bäume zusammenbrechen. Und auch die alten Mären – die von Goliath oder die vom Topf, aus dem Brei quillt und quillt und quillt – erinnern daran, dass Wachstum ohne Ende eine ärgere Krankheit sein mag als Nervosität. Aber für uns ist sie mit Gesundheit und blühendem Leben amalgamiert. Darüber lachen sogar Bär und Bulle, sie sind sich groß genug.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2011)