Lang Lang und sein Faible für Technik ohne Musik

(c) Dapd (Sebastian Widmann)
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Lang Lang hat, scheint's, keine Mühe damit, die in diesem Opus angehäuften Fingerfertigkeitstests sämtlich makellos zu absolvieren. Wer so schnell und dabei so präzis Klavier spielen kann, dem ist alles erlaubt.

Ein sonderbares Konzert. Ein wenig Kammermusik mit zwei Erzmusikanten, Vadim Repin und Mischa Maisky, mittendrin aber Solo-Arbeit diffizilen Zuschnitts: Chopins Etüden op. 25 wählte Pianist Lang Lang für seinen Salzburger Festspielauftritt. Ausverkauft, ausverkaufter, am ausverkauftesten, heißt es da, Kartenhäher umstellen das Festspielhaus.

Zugegeben, das kann nicht jeder, zwölf Etüden hintereinander ohne irgendwelche Anzeichen von mechanischer Irritation oder Ermüdung spielen. Es gibt bedeutende Pianisten, auch solche, denen die Kritik das Epitheton „virtuos“ gern zugesteht, die Chopins Etüden nie im Leben angerührt haben – jedenfalls nicht für den öffentlichen Vortrag und schon gar nicht ein ganzes Buch in einem Konzert.

Lang Lang kann das. Er hat, scheint's, keine Mühe damit, die in diesem Opus angehäuften Fingerfertigkeitstests sämtlich makellos zu absolvieren. Er spielt sich mit den Sexten der Des-Dur-Etüde ebenso wie mit den durch alle Lagen stürmenden Oktaven des h-Moll-Stücks. Er spielt sich damit nicht nur im übertragenen, sondern auch im wörtlichen Sinne: Gerade die Oktaven-Etüde verleitet ja zu schwärmerischen Tönen, weil Chopin im Mittelteil den Fortissimo-Orkan in ein H-Dur-Intermezzo lyrischer Prägung verwandelt.

Tastenhexenmeistereien

Solche Umdeutungen nimmt der Pianist in anderen der zwölf Pièçen ganz eigenmächtig vor, vielleicht, weil ihm des Komponisten Ansprüche ans technische Vermögen seiner Interpreten nicht genügen, weil er demonstrieren möchte, dass er noch viel mehr kann, einen fingerverrenkenden Dressurakt auch noch in ein gehauchtes Pianissimo zurücknehmen, um mit verzücktem Mienenspiel auch die Beobachter im Auditorium auf die Früchte solch pianistischen Leichtathletentums hinzuweisen.

Warum Lang Lang nicht gleich Godowskys „Etüden über die Chopin-Etüden“ spielt statt deren Vorlagen? Chopins dynamische Anweisungen scheinen ihm jedenfalls so wenig wichtig wie stilistische Geschmacksfragen. Ein dramaturgischer Coup wie die einstimmige Introduktion zum cis-Moll-Stück scheint für Lang Lang ein unauflösbares Rätsel. Beim Eingangs-Motto der a-Moll-Etüde geht er bleibt er einfach zwei Takte lang auf dem Pedal stehen und bringt die thematische Kontur völlig zum Verschwimmen. Was tut's? Wer so schnell und dabei so präzis Klavier spielen kann, dem ist alles erlaubt, auch die Musik aus seinen Tastenhexenmeistereien zu verbannen. Im Kaffeehaus hieße der Bestellvorgang vielleicht: Eine Melange. Mit Schlagobers? Ja, aber ohne Kaffee, bitte.

Was sich Repin und Maisky gedacht haben mögen, während sie mit Lang Lang spielten? Sie bereiteten den spannenden rhythmischen Einschwingvorgang von Rachmaninows „Trio élégiaque Nr. 1“ federnd-geheimnisvoll vor: Der Pianist setzte dann eine Melodie auf diesen Klangteppich, richtungslos aus einer Aufeinanderfolge von Tönen gebaut – glasklar artikuliert, versteht sich, aber jenseits jeglicher Anwandlung dessen, was man musikalischen Atem nennt.

Rachmaninows Esprit blitzte hie und da auf, sobald sie die melodische Führung übernahmen. Im Scherzo und im Finale von Mendelssohns d-Moll-Trio kamen die beiden Herren dann aber wohl gar nicht mehr zum Nachdenken. Lang Lang gab ein Tempo vor, das schlechterdings wie die Aufforderung zur Erstellung einer Machbarkeitsstudie des Unmachbaren wirkte. Repin und Maisky reüssierten, wider jedes Schwerkraftgesetz, Spötter könnten sagen: auch wider jede musikalische Vernunft. Es muss das Erstaunen über diese eminente handwerkliche Leistung gewesen sein, die das Publikum zuletzt in Raserei versetzte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2011)

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