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Biologie: Korallen sterben an Abwässern

(c) J, Porter
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Pestizide aus der Landwirtschaft setzen dem Leben des Great Barrier Reef zu. Bakterien in menschlichen Fäkalien machen Riffe in der Karibik krank. Steinkorallen stehen unter den Schutz des Endangered Species Act.

Beim Klimawandel gibt es auch Gewinner, dazu gehören vor allem die die, die andere Umweltsünden begehen, aber gar nicht mehr wahrgenommen werden, weil die Welt auf die Erwärmung starrt und auf die Versauerung der Meere, die das Treibhausgas CO2 auch bringt. Diesem Doppelschlag könnten die Korallen zum Opfer fallen, weltweit, die in der Karibik wie die des Great Barrier Reef vor Australien. Letzteren gibt etwa Ove Hoegh-Guldberg (Queensland University) noch zehn Jahre Frist, viele Forscher teilen diese Sorge, den Korallen der Karibik wird schon lange der Wärme- und Säuretod prophezeit.
Aber Korallen sind nicht passiv, sie reagieren, manche wandern in kühlere Gewässer, Hiroya Yamano (Tsukuba) hat es bei Japan bemerkt (Geophysical Research Letters, 17. 2.); andere stellen ihre Artenzusammensetzung um, das ist Laith Yabok (Exeter) in der Karibik aufgefallen (Pnas, 108, S. 1976); zuletzt kam gar Entwarnung für das Great Barrier Reef: „Es wird anders aussehen, es wird schlechter aussehen, aber es wird nicht innerhalb von 20 bis 30 Jahren verschwinden“, erklärte Joan Conelly (James Cook University), der die Geschichte dieses Riffs ausgewertet hat (Science, 333, S. 418).
Wer recht behält, wird man wohl auch erst in 20 Jahren wissen. Aber die entspannenden Berichte öffnen den Blick: Das Great Barrier Reef ist in der Tat gefährdet – durch Pestizide aus der Landwirtschaft. Ein australischer Regierungsbericht schlägt Alarm: Vor allem die Zuckerrohrbauern spritzen üppig, die Gifte wurden noch 60 Kilometer weit im Meer in Konzentrationen gemessen, die Korallen schädigen (gpmba.gov.au). Ähnlich ist es in der Karibik: Vor Florida kümmern seit Jahren Steinkorallen so erbarmungswürdig vor sich hin, dass sie unter den Schutz des Endangered Species Act kamen: Sie sind von „white pox disease“ befallen, einer Krankheit, die von einem Bakterium verursacht wird, Serracia marcesens. Das macht auch Menschen krank, an den Atemwegen und im Harntrakt. Von dort kommt es in die Abwässer, mit ihnen in die Karibik.
Dass die Steinkorallen daran kranken, vermutet James Porter, Ökologe der University of Georgia, schon lange, nun hat er es experimentell gezeigt: Er hat Korallen mit Bakterien von Menschen infiziert, und die Pocken kamen rasch: „Dass wir auf diesem Weg Korallen töten, ist eine schlechte Nachricht“, schließt der Forscher: „Das Gute ist, dass wir das Problem mit besserer Abwasserreinigung lösen können.“ (PLoS One, 17. 8.)
Die ist auch anderswo nötig: Seit Jahren ist bekannt, dass Medikamente, die von Menschen genommen und teilweise wieder ausgeschieden werden, in den Flüssen unterhalb von Kläranlagen männliche Fische verweiblichen. Beliebtestes Beispiel ist die Antibabypille – im protestantischen Berlin sind reichlich Fische verweiblicht, im katholischen Lissabon gibt es den Effekt kaum –, aber viele Wirkstoffe stehen unter dem Verdacht, solche „Umwelthormone“ oder „endokrine Disruptoren“  zu sein.

Fischhermaphroditen durch Pharmafabrik?

Bisher hatte man bei diesem Problem die Verbraucher der Medikamente im Blick, aber in der letzten Zeit zeigte sich der Effekt auch in Gewässern unterhalb von Pharmafabriken, erst in Indien, dann in New York, nun auch in Europa, an der Dore in Frankreich: Dort haben Angler die Behörden alarmiert, weil immer mehr hermaphroditische Gründlinge (Karpfenfisch) an die Haken gingen: Für gewöhnlich haben fünf Prozent der Gründlinge die Merkmale beider Geschlechter, aber in der Dore sind es regional 60 Prozent, und zwar unterhalb einer Fabrik von Sanofi, in der unter anderem entzündungshemmende und harntreibende – und zugleich die Produktion von männlichen Sexualhormonen dämpfende – Substanzen hergestellt werden (Nature, 476, S. 265).
Ob sie hinter der wundersamen Geschlechtswandlung stehen – sie trifft nur Gründlinge, andere Fische nicht –, ist noch ungeklärt. Das ist auch die Rechtslage: „Die Menschen denken, dass die Freisetzung von Medikamenten geregelt ist, aber sie ist es nicht“, erklärt Joakim Larsson, Pharmakologe der Universität Göteborg. Es gibt in Frankreich keinerlei Grenzwerte für Medikamente im Wasser – sei es Ab-, Oberflächen-, Grund- oder Trinkwasser –, im Gesetzeswerk der EU auch nicht. In Österreich auch nicht.