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„Linke Gesellschaftskritik“ ist wieder in: Deutschland, ein Spinnermärchen

Frank Schirrmacher, publizistischer Leithammel der deutschen Konservativen, droht zur Linken zu konvertieren. Den Blick auf die Welt kann man eben auch mit einer Zeitung verstellen.

Medien funktionieren nach den Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie: je lauter der Krach, um so höher die Auflage. Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ („FAZ“) bediente sich dieser Regel, als er einen Kommentar mit dem Titel „Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“ veröffentlichte. Dies im publizistischen Flagship-Store des deutschen Konservativismus zu lesen, das ist ungefähr so, als schriebe der Papst im „Osservatore Romano“ einen Leitartikel „Warum ich glaube, dass die Atheisten doch recht haben und Jesus nur ein Hochstapler war“.

Tusch, krach, wumm, Sommerdebatte – Schirrmacher und „FAZ“ in aller Munde: der Herausgeber als Vorbote einer massenhaften Bekehrung jahrzehntelang irregeleiteter Neoliberaler, die nun Buße tun und nach ausreichender Selbstbezichtigung vor dem publizistischen Volksgerichtshof des Juste Milieu wieder gnädig vom sozialdemokratischen Mainstream aufgenommen werden?

Sollte Schirrmacher nicht einfach Opfer einer milieubedingten Pointensucht geworden sein, wird man wohl zu glauben beginnen müssen, dass seine ökonomische Wahrnehmungsfähigkeit gerade erheblichen sommerlichen Restriktionen unterliegt. „Ein Jahrzehnt enthemmter Finanzmarktökonomie entpuppt sich als das erfolgreichste Resozialisierungsprogramm linker Gesellschaftskritik. So abgewirtschaftet sie schien, sie ist nicht nur wieder da, sie wird auch gebraucht“, behauptet Schirrmacher. Ein kühner Bogen wird da gespannt.

Zur Erinnerung: Zuerst zwingt die (eher linke) Clinton-Regierung die US-Banken, Kredite an nicht kreditwürdige Angehörige von Minderheiten zu vergeben und verursacht damit kausal den Immobilien-Crash und in der Folge die Finanzkrise 2007; ein Staatsversagen von monumentalem Ausmaß. Des Weiteren verschlechtern die Regierungen in den USA wie in Europa die legistische Qualität der Regulierung von Finanzmärkten erheblich; abermals gravierendes Staatsversagen. Sodann drucken die staatsnahen Notenbanken Geld containerweise und untergraben damit das Vertrauen in Währungen auf kriminelle Weise; abermals Staatsversagen. Die Staaten verschulden sich bis tief in das Territorium der Fahrlässigkeit hinein, können sich aber in den USA wie in der EU anschließend nicht einmal annähernd auf dringend nötige Entzugsmaßnahmen einigen. Fortsetzung folgt: Mehr Staatsversagen war wohl nie zuvor seit dem Weltkrieg. Wer hingegen, wie die Linke das ja versucht, „die Gier“ oder „die Märkte“ als Unfallursache verortet, kann genauso gut die Schwerkraft für Flugzeugabstürze verantwortlich machen oder ungünstige meteorologische Bedingungen für das Elend in der Dritten Welt.

Leider präzisiert Schirrmacher nicht weiter, womit „die Linke“ eigentlich recht haben sollte. Mit ihrer Neigung zu übermäßiger Staatsverschuldung? Mit ihrer Tendenz zu Regulierung, Verstaatlichung und Interventionismus? Wozu in diesem Kontext „linke Gesellschaftskritik wieder gebraucht wird“ (Schirrmacher), eröffnet sich da niemandem, der auch nur gelegentlich einen Blick in den hervorragenden Wirtschaftsteil der „FAZ“ macht.

Aber vielleicht wollte Schirrmacher ja auch nur spielen. In diesem Falle empfiehlt sich für künftige Sommerdebatten zum Beispiel: „Ich beginne zu glauben, dass Stalin doch recht hatte.“ Das knallt dann sicher auch ganz laut und ist genauso doof.


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Zum Autor:
Christian Ortner ist Kolumnist und Autor in Wien. Er leitet „ortneronline. Das Zentralorgan des Neoliberalismus“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2011)