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Analyse: Israels Problem mit seinen Grenzen

(c) AP
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Jüngste Anschlag auf der Sinai-Halbinsel, bei dem mindestens 14 Menschen getötet wurden, macht klar, dass der Arabische Frühling die Sicherheitslage an den Grenzen verändert hat - und zwar zu Israels Ungunsten.

Jerusalem/Wien. Es waren prophetische Worte, die Gilad Stern, Yoram Schweitzer und Einav Yogev vor gut zwei Wochen in der „Jerusalem Post“ publizierten. „Solange in Ägypten keine stabile Regierung an der Macht ist, wird das Grenzgebiet zwischen Ägypten, dem Gazastreifen und Israel ein Magnet für Terroristen bleiben“, schrieben die drei israelischen Sicherheitsexperten in ihrem Gastkommentar am 2. August. Der Titel des Beitrags: „Ägypten-Sinai-Gaza: ein gefährliches Dreieck“.

Genau 16 Tage später hat sich dieses Gefahrenszenario bewahrheitet: Bei Anschlägen an der israelisch-ägyptischen Grenze nahe des Badeorts Eilat sind am Donnerstag mindestens sieben Israelis getötet worden, Dutzende Personen wurden verletzt. Die Attentäter hatten zwei Autobusse und einen Privat-Pkw mit Gewehren und Panzerfäusten beschossen und sich anschließend Feuergefechte mit israelischen Sicherheitskräften geliefert. Nach Angaben der israelischen Armee wurden dabei sieben Terroristen getötet.

Woher sie kamen, ist noch nicht klar. Während Israels Verteidigungsminister Ehud Barak von Palästinensern sprach, die vom Gazastreifen ins ägyptische Territorium eingesickert sind, wies der Gouverneur der Provinz Süd-Sinai, Khalid Foda, jegliche Schuld von sich: Von ägyptischem Boden aus habe niemand auf Menschen in Israel gefeuert.

 

Sicherheitsrisiko Sinai. . .

Dass die Grenze zwischen Ägypten und Israel ein Sicherheitsrisiko darstellt, wird allerdings auch in Kairo nicht infrage gestellt. Vor wenigen Tagen hat die ägyptische Armee damit begonnen, gegen vermeintliche Herde der Extremisten auf der Sinai-Halbinsel vorzugehen.

Und auch in Israel ist man sich der Gefahren bewusst. Der Grenzverlauf, der für israelische Verhältnisse relativ schwach gesichert war (die schnurgerade verlaufende Grenze besteht über weite Strecken nur aus einem Zaun), wird seit einiger Zeit befestigt – als Vorbild dient dabei offenbar der Sicherheitswall, der Israel von den Palästinensergebieten trennt.

 

. . .und andere Gefahrenherde

In der Tat haben die Risken an Israels Grenzen in jüngster Zeit signifikant zugenommen – und diese Tatsache hat nicht nur mit dem Arabischen Frühling und den Volksaufständen gegen den autokratischen (und der Sicherheit Israels dienlichen) Status quo im Nahen Osten zu tun.

Die vom militärischen Standpunkt her harmloseste Grenze – das Meer – birgt für Israel Zündstoff aus der Perspektive der Public Relations: Der Umgang mit den sogenannten „Gaza-Flotten“ der internationalen Friedensaktivisten hat sich zuletzt zwar gebessert, doch der desaströse Angriff auf das türkische Schiff „Mavi Marmara“ im Mai 2010, der neun Menschenleben gekostet hatte, hat der Reputation Israels massiven Schaden zugefügt – und die Beziehungen zur Türkei beschädigt.

Während vom Mittelmeer zumindest keine militärische Gefahr droht, ist der Sachverhalt an der Grenze zum Libanon ganz anders. Während des zweiten Libanon-Krieges vor fünf Jahren wurden von der Hisbollah-Miliz geschätzte 4000 Raketen auf Israel abgefeuert – eine Viertelmillion Israelis mussten damals evakuiert werden. Beobachter gehen davon aus, dass die vom Iran unterstützte Hisbollah ihre Arsenale wieder aufgestockt hat. Auch im von der Hamas dominierten Gazastreifen sind Raketen gelagert – zuletzt wurde am 20. Juli ein Projektil auf Israel abgefeuert.

Die israelische Antwort auf diese Gefahr lautet „Iron Dome“ – ein mobiles Raketenabwehrsystem, das im März 2011 in Betrieb genommen wurde. Anders als der aus dem Irak-Krieg bekannte „Patriot“-Schutzschild richtet sich „Iron Dome“ gegen Kurzstreckenraketen. Mit einzelnen Projektilen kommt das System offenbar gut zurecht. Ob sich „Iron Dome“ aber im Fall eines neuerlichen Libanon-Kriegs bewähren würde, ist eine andere Frage.

Abseits aller technischen Finessen ist aber klar, dass sich Israel zwar gegen Lenkwaffen und terroristische Eindringlinge (so gut es geht) absichern kann, nicht aber gegen einen Wechsel der politischen Großwetterlage. Der Arabische Frühling hat die Karten in der Region neu gemischt: In Ägypten bringen sich die Muslimbrüder und die noch radikaleren Salafisten in Stellung, in Syrien (dessen Golanhöhen Israel seit 1967 besetzt hält) kämpft Machthaber Bashir al-Assad um sein politisches Überleben, und die Palästinenser wollen am 20. September die Vollmitgliedschaft in der UNO beantragen.

Bleibt Jordanien als einziger Ruhepol – noch. Denn der von König Abdullah II. im März initiierte „Reformdialog“, mit dem die Bevölkerung ruhiggestellt werden sollte, brachte bis dato keine konkreten Ergebnisse. Sollte es in Amman zu Massenprotesten kommen, wäre Israel gänzlich von Unruheherden umgeben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2011)