Passionierte Begabung bedeutet Berufung

Für wen oder was würde ich Pferde stehlen, mein Heimatland verlassen, mein Lebensglück aufs Spiel setzen?

Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach, und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein.

Joh 12,26

Als der dreizehnjährige Michelangelo seinem Vater Ludovico eröffnete, dass er die Schule abbrechen wolle, um Künstler zu werden, schienen dem Herrn Papa Prügel das geeignete Mittel, um dem Rotzlöffel dies auszutreiben. Doch der blieb stur. „An diesem ersten April (1488) verfüge ich, Ludovico, dass ich meinen Sohn Michelangelo für die nächsten drei Jahre Domenico und David de Tommaso di Currado überantworte, unter folgenden Bedingungen und Vereinbarungen: dass nämlich der besagte Michelangelo mit den obengenannten Meistern während dieser Zeit verbleibe, die Kunst der Malerei zu erlernen und auszuüben und den Obengenannten zu Diensten zu sein.“

Michelangelo verließ als Halbwüchsiger seine Familie, um seiner Berufung zu folgen, die ihn selbst zwar nie zufrieden sein ließ, unzähligen anderen Menschen aber Welten der ästhetischen Sensibilität erschloss. Seine Pietà hatte er schon mit vierundzwanzig Jahren vollendet und er war noch keine dreißig, als er den David schuf, der 1504 vor dem Palazzo della Signoria in Florenz enthüllt wurde. Papst Julius II. lud Michelangelo nach Rom ein, wo er mit Großprojekten wie den Malereien in der Sixtinischen Kapelle beauftragt wurde. „Ich bedaure, dass ich nicht genug zur Rettung meiner Seele getan habe und dass ich sterbe, wo ich gerade erst beginne, das Alphabet meines Glaubens zu lernen“, schrieb er an seinem Lebensabend.

Lebenslange Suche und Hingabe an einen inneren Ruf spiegeln sich in Michelangelos Biografie ebenso wie in den biblischen Gestalten seiner Werke. Mose erlebt das Drängen nach Gerechtigkeit in seinem Naturell, als er in jugendlichem Leichtsinn einen Ägypter erschlägt, der einen Hebräer misshandelt hat; er muss aus Ägypten fliehen und erfährt am Sinai die Lebenswende am brennenden Dornbusch. Doch auch dann folgen noch Jahre des Ringens mit dem Pharao, mit dem Auftrag der Befreiung, mit dem Volk und seinem Gott, bis in Mose jener kolossale Charakter gereift ist, wie ihn Michelangelo im Grabmal Julius II. dargestellt hat. Mit ebenso lebensverändernder Kraft beruft Jesus die Apostel. Wenn er im geheimnisvollen Stil des Johannesevangeliums sagt, „wenn einer mir dienen will, folge er mir nach, und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein“, deutet er an, dass die Nachfolge und Gemeinschaft noch über die Grenze des Todes hinausgehen. Höchsten Ausdruck findet dies in Michelangelos letzten beiden Skulpturen – der Rondanini-Pietà und der Grablegung, in denen Maria und Nikodemus mit dem Leichnam Jesu zu verschmelzen scheinen.

Beim Betrachten solcher Werke erwacht der Sinn für Großes im Leben. Passionierte Begabung bedeutet Berufung. Für wen oder was würde ich Pferde stehlen, mein Heimatland verlassen, mein Lebensglück aufs Spiel setzen?


Bimail steht für Bibelmail, ein wöchentliches Rundschreiben des Teams um Pater Georg Sporschill, adressiert an Führungskräfte. Darin werden Lehren aus der Bibel auf das Leben von heute umgelegt.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.08.2011)