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Mittelamerika: "Wir sind die Kinder des Teufels"

Mittelamerika sind Kinder Teufels
(c) REUTERS (JORGE DAN LOPEZ)
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Mittelamerika wird seit Jahren von den "Maras" terrorisiert, ultrabrutalen Jugendbanden, deren Mitglieder sich fast schon als religiöse Gemeinschaft begreifen.

Die Zugehörigkeit zur größten, berüchtigtsten und brutalsten Jugendbande Lateinamerikas führt über den Schmerz. Wer zur „Mara Salvatrucha“ gehören will, muss sich einem Ritual unterziehen: Sich mit entblößtem Oberkörper hinstellen, damit die Bandenmitglieder 13 Sekunden lang auf einen einschlagen können, mit Knüppeln, Baseballschlägern, Schläuchen.

13 Sekunden, weil die Dreizehn die symbolische Zahl der Mara Salvatrucha ist. „MS 13“ haben sich einige Gangmitglieder – genannt „mareros“ – mitten übers ganze Gesicht tätowiert. MS 13 verbreitet Angst und Schrecken, in den zentralamerikanischen Staaten El Salvador, Guatemala, Honduras, Nicaragua und Panama ebenso wie in den südlichen Bundesstaaten Mexikos und in den Latinovierteln nordamerikanischer Metropolen.

Will eine Frau beitreten, kann sie wählen: Dasselbe Prozedere wie die Männer. Oder nacheinander mit dreizehn Gangmitgliedern schlafen. „Tomar el trencito“, nennen das die Mareros: Das Züglein nehmen.

„Mara“ bedeutet Gruppe oder Bande, „Salvatrucha“ ist eine Verbindung aus „Salvador“ und „trucho“, das heißt „schlau“. Also etwa: Bande schlauer Salvadorianer. Neben den Buchstaben MS und der Zahl 13 haben die Mareros oft aus den Augenwinkeln rollende Tränen tätowiert, für jeden von Gegnern ermordeten Freund eine. Oder um den Hals laufende Sprüche wie „Mutter, vergib mir mein verrücktes Leben“.

Die Mara lebt von Drogenhandel, Schutzgelderpressung, Entführungen und Überfällen – und immer öfter arbeitet sie mit Mexikos Drogenkartellen zusammen, die in ihrer Heimat von der Armee bekämpft werden und daher nach Süden ausweichen. Wie viele Mareros es in Zentralamerika gibt, darüber gehen die Schätzungen auseinander: In El Salvador geht die Polizei von rund 15.000 Bandenmitgliedern aus, unabhängigen Experten zufolge dürfte die Zahl dreimal höher liegen.

Die gefährlichste Region der Welt. Insgesamt gibt es in Zentralamerika mindestens 70.000 Mareros – und sie tragen wesentlich dazu bei, dass El Salvador, Guatemala und Honduras gegenwärtig die gewalttätigsten Länder der Welt sind: In El Salvador liegt die Mordrate pro 100.000 Einwohner bei 70, das ist viermal höher als im vom Drogenkrieg erschütterten Mexiko. Laut Polizei werden gut 70 Prozent der Morde von Mareros verübt.

Die Mara sei seine Familie, die Mara sei sein Leben, für die Mara habe er getötet und vielleicht werde er irgendwann für sie sterben, sagte der Marero Francisco Miranda alias „Snoop“ bei einem Treffen vor einigen Jahren in San Salvador. Aber auch: „Die Mara ist der Teufel. Wir sind die Kinder des Teufels.“ Auf die Frage, wie viele Morde er schon begangen habe, zögerte er, schwankte mit dem Oberkörper, lächelte. „Zwanzig. Dreißig.“ Und wieder Schulterzucken.

Snoops Opfer gehörten zur „Mara 18“, der großen Gegnerin der Mara Salvatrucha. Treffen Mitglieder der beiden Organisationen aufeinander, müssen sie sich ihren eigenen Regeln zufolge töten, auch wenn sie sich nie zuvor gesehen haben. Die Feindschaft verleiht beiden Gruppen eine auf Zusammenhalt gegen innen und Hass gegen außen gründende Identität.

Snoops Freundin Guadalupe Victoria Ramírez schaute auf die Frage, ob sie als Aufnahmeritus das Züglein oder die Prügel gewählt hatte, zu Boden und antwortete wie jemand, der etwas Ekliges ausspuckt: „Zwei Monate, bevor ich eintrat, hat eine Freundin bei der Aufnahme zwei Vorderzähne verloren. Also wählte ich das Züglein. Seit ich in der Mara bin, werde ich von den Bewohnern des Viertels geachtet.“

Das Böse aus der Stadt der Engel. Die Mara Salvatrucha entstand in den 1980er-Jahren in Kalifornien. Während des Bürgerkriegs von 1980 bis 1992 flüchteten hunderttausende Salvadorianer in die USA, meist nach Los Angeles. Viele von ihnen konnten mit Waffen umgehen, hatten gekämpft und getötet. In Los Angeles standen die Salvadorianer bereits bestehenden Gangs von Schwarzen und anderen Latinos gegenüber, zu ihrem Hauptfeind wurde die mexikanisch beherrschte Mara 18, die um die 18th Street entstanden war.

Nach Ende des Bürgerkriegs begannen die Behörden der USA, tausende Salvadorianer in ihre Heimat abzuschieben. Wer von den Rückkehrern bei MS 13 war, galt bei den Jugendlichen der Elendsviertel als cool: englische Sprachbrocken, baggy pants, Begrüßungsrituale und Symbole, die Zusammenhalt signalisierten und Respekt einflößten. Kurz darauf gab es in El Salvador aber auch Mara 18, und damit die ersten Opfer des Bandenkriegs.

„Das Gemetzel zwischen Mara 18 und Mara Salvatrucha ist vollkommen irrational“, sagt die Soziologin María Santacruz Giralt, die für eine Studie rund tausend Mareros befragt hat. „Anders als in Los Angeles kämpfen hier nicht Salvadorianer gegen Mexikaner, sondern Salvadorianer gegen Salvadorianer. Und sie gehören alle derselben sozialen Schicht an. Das ist der entfesselte Wahnsinn.“

Armee gegen Banden.
El Salvadors Regierung hat oft versucht, der Mara Herr zu werden. Erfolglos. Auf den „Aktionsplan harte Hand“ folgte der „Aktionsplan superharte Hand“, und der jetzige Präsident Mauricio Funes setzt sogar die Armee ein; ausgerechnet er, der als einstiger linker Guerillero die Soldaten bekämpft hat. Zudem drückte er ein Gesetz durch, das schon die Zugehörigkeit zur Mara mit jahrelanger Haft ahndet – egal, ob man den Bandenmitgliedern ein Delikt nachweisen kann. Besser wurde die Lage damit nicht.

Am 20. Juni 2010 antwortete die Mara Salvatrucha auf die Vorlage: Sie eröffnete das Feuer auf einen Passagierbus und zündete ihn an. Vierzehn Menschen starben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2011)